Der echte Relotius (rechts) bei der Preisverleihung zum "CNN-Journalist of the Year".

© CNN International/Gert Krautbauer

Kultur | Medien
01/08/2019

Falscher Claas Relotius bietet Interviews an

Mehrere deutsche Redaktionen bekamen Angebote für ein Gespräch. Bei radioeins geriet der Fake-Relotius in Bedrängnis.

Mitte Dezember wurde bekannt, dass der preisgekrönte Spiegel-Redaketur Claas Relotius in großem Stil Reportagen gefälscht hat. Jahrelang hat er Protagonisten, Zitate und Beobachtungen erfunden. Relotius hat den Spiegel mittlerweile verlassen und auch seine Preise zurückgegeben.

Nun hat ein Unbekannter mehrere deutsche Redaktionen kontaktiert, sich als Claas Relotius ausgegeben und Interviews angeboten. Auch bei radioeins ist Anfang Jänner eine E-Mail vom vermeintlichen Reporter Relotius eingegangen. Der deutsche Radiosender hat die Geschehnisse mittlerweile on air und auch auf seinem Online-Auftritt publik gemacht.

Anwalt bestätigt: Relotius gibt keine Interviews

Die E-Mail mit dem Interviewangebot kam von einer Adresse mit dem Namen Claas Relotius von einem deutschen Anbieter. Der Schreiber erklärte, er könne sich vorstellen, "zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen und über meine Arbeit beim 'SPIEGEL' wie auch über meine Zukunft (u. a. ein Buchprojekt) zu sprechen".

Die Redaktion von radioeins wurde skeptisch und wandte sich an die Kollegen vom Medienmagazin ZAPP (beide Redaktionen arbeiten bei Medienberichterstattung immer wieder zusammen). Die kontaktierten den Anwalt von Claas Relotius, der bestätigte, dass es sich um einen Dritten handelt: Sein Mandant plane derzeit weder öffentliche Auftritte noch Interviews. 

Falscher Relotius gerät im Interview in Bedrängnis

radioeins wollte den Unbekannten aber zur Rede stellen und ging auf das Interview-Angebot ein. Ausschnitte aus dem Gespräch mit Moderator Volker Wieprecht sind auf der Webseite von radioeins zu hören. Wieprecht äußerte im Telefon-Interview seine Zweifel daran, dass er mit dem echten Claas Relotius spreche. Der Unbekannte antwortete ungerührt: "Ich bin Claas Relotius."

Dann wurde aber Susanne Beyer, die stellvertretende Spiegel-Chefredakteurin, zum Gespräch zugeschaltet. Sie sollte dem Mann eine Frage stellen, die nur der echte Relotius beantworten könne. Noch während sie ihre Frage formulierte, war bereits das Freizeichen im Hintergrund zu hören: Der vermeintliche Relotius hatte aufgelegt. "Offensichtlich hat Pinocchio gerade seine lange Nase verloren", kommentierte Moderator Wieprecht.

Spiegel weiß um Fake-Relotius

Die stellvertretende Spiegel-Chefredakteurin Beyer erklärte daraufhin: "Wir hören seit ein paar Tagen von einem Herren, der sich als Claas Relotius ausgibt. Wir haben auch Fotos von ihm, da trägt er eine Mütze. Und gleichwohl ist es ja so, dass wir mit Claas Relotius zusammengearbeitet haben und wissen, wie er aussieht. Das ist nicht Claas Relotius. Und er hält einen Journalistenausweis in die Kamera und da steht Claas Relotius drauf - wie auch immer er darangekommen ist oder ob er ihn gefälscht hat."

Ob es sich um ein Satireprojekt handle oder die Sache aus dem rechtspopulitsichen Eck komme, darüber könne man derzeit nur mutmaßen, hielten radioeins und ZAPP fest. "Wenn Sie auch Relotius sind, können Sie gerne anrufen", scherzte Moderator Wieprecht.