Kultur | Medien
19.11.2018

Die rätselhafte Frau Matangi

Film.Steve Loveridge drehte über seine Kommilitonin ein intimes Porträt :„Matangi – M.I.A.“

Er ist nicht Alexander McQueen, John Galliano oder Stella McCartney, aber trotzdem entspricht Steve Loveridge dem Bild, das man sich gemeinhin von einem Absolventen des noblen Central St. Martin’s College of Arts in London macht: selbstreflexiv, eloquent, mit Intellektuellenbrille, von sich überzeugt. Loveridge war während seines Digital Arts-Studiums an der Eliteuni Kommilitone und enger Freund des britisch-tamilischen Popstars Matangi/M.I.A.. Ihre Beziehung war so eng, dass M.I.A. ihm selbst gemachte private Videos aus den letzten 22 Jahren überließ, als Loveridge vor sechs Jahren beschloss, eine Doku über die exzentrische Sängerin zu drehen. „Ein unendlicher Vertrauensbeweis“, ist sich Loveridge, der soeben bei der Viennale seinen Film präsentierte, seiner besonderen Stellung bewusst. „Mit einem anderen Filmemacher hätte sie ganz bestimmt nicht über ihre Familie und ihre schwierigen Zeiten gesprochen. Ich kenne auch ihr Umfeld so gut, dass sich alle mir gegenüber geöffnet haben. Das war schon besonders“. Mathangi „Maya“ Arulpragasam ist eine im Londoner Stadtteil Hounslow geborene Sängerin und Musikproduzentin mit sri-lankischen Wurzeln, die unter dem Künstlernamen M.I.A. auftritt. Ihr Vater Arul Pragasam ist Aktivist und Gründungsmitglied der militanten Widerstandskämpfer Tiger des Tamil Eelam, der sich jahrelang mit sri-lankischen Regierungstruppen erbitterte Kämpfe lieferte. Die Mutter lebte währenddessen mit den Kindern in London – der Vater kam in neun Jahren nur drei Mal zu Besuch. Als exzellente Schülerin erhielt M.I.A. ein Stipendium in St. Martin’s, studierte dort Kunst und Film. Danach arbeitete sie als Malerin, ehe die Rockband Elastica sie mit der Gestaltung eines Album-Covers und eines Musikvideos beauftragte. Irgendwann begann sie, Demosongs zu produzieren, 2003 brachte sie ihren ersten Song „Galang“ in einer Auflage von nur 500 Schallplatten heraus.

M.I.A.’s Musikstil ist schwer zu beschreiben“, sinniert Loveridge, „er ist eine Collage von Elementen verschiedener Stile. Hybrid Music, irgendetwas zwischen Hiphop, Electro und Dancehall.“ Als ihr erstes Album, „Arular“, herauskam, sei M.I.A. bitter enttäuscht gewesen: „Die Plattenläden hatten es der Kategorie World Music zugeordnet, wo es definitiv nicht hingehörte. Das machte sie wütend – ,Was soll das? Ich bin doch Popstar, ich bin cool“.“ Mit ihrer selbstbewusst-rotzigen Art und dem provokanten Mix von Erste-, Dritte-Welt- und Kampfszenen in ihren Videos machte sich M.I.A. viele Feinde und musste nicht nur in Großbritannien viel Kritik über sich ergehen lassen. Loveridge: „Da sie eine der wenigen Tamilinnen ist, die sich Gehör verschaffen können, setzte sie sich immer wieder für den Kampf der Tamilen ein, was aber speziell bei der tamilischen Community in London nicht gut ankam. Ihre Landsleute monierten, sie sei 20 Jahre lang, gerade in der Zeit, als die Kämpfe eskalierten, nicht in ihrer Heimat gewesen und wisse nicht, wovon sie rede. Sie wollten nicht, dass sie für sie spricht. Sie musste sich da schon sehr viele Beleidigungen, sexistische Anwürfe und sogar Todesdrohungen anhören“.

Nicht gefallen

Der Film „Matangi – M.I.A.“, der diese Woche in den österreichischen Kinos anläuft, habe der Sängerin übrigens beim ersten Sichten gar nicht gefallen. Loveridge: „Sie war schockiert, sie hatte sich etwas ganz anderes vorgestellt. Ich hatte viele ihrer Videos verwendet, die sie schon 15, 20 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte gedacht, ich mache ein Porträt von ihr als Künstlerin, aber das hat mich nicht interessiert. Ich wollte über ihre Person, ihre Familie, ihre turbulente Geschichte erzählen. Über ihre Musik kann sich ohnehin jeder leicht informieren. Nein, ich hatte 90 wertvolle Minuten und die wollte ich wirklich mit ihr und ihrem Leben füllen.“ Ist M.I.A. wirklich so ein Bad Girl, als das sie häufig in den Medien dargestellt wird? – „Sie ist eine Immigrantin, eine braune Frau, keine Weiße aus einer privilegierten Schicht. Trotzdem hat sie es in Großbritannien geschafft. M.I.A. verweilt nicht auf dem Weg von A nach B, wenn man in einem fremden Land ankommt, sondern sie zeigt den noch viel schwierigeren Weg von B nach C, wenn du dir in diesem fremden Land eine Existenz aufbauen willst. Du sollst dich so kleiden, so reden, dich so benehmen wie die Menschen in deinem neuen Land und du sollst sie gut finden. Das ist schon sehr verwirrend und das geht nur bis zu einem gewissen Punkt. Leider bot sie immer wieder – etwa durch ihre Heirat mit einem US-Millionär – Angriffsflächen für Kritiker. Aber so ist sie eben.“