Medien-Wandel: Matzek sieht ORF1 als Spielwiese, um junge Seher zu begeistern

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Kultur Medien
08/03/2019

Der ORF und die Wissenschaft: Abstieg aus dem Elfenbein-Turm

Der neue ORF-Wissenschaftschef Thomas Matzek will näher ans Publikum und journalistische Arbeit ohne Mediengrenzen

Keine Proteste, keine Aufregung: Die Bestellung von Thomas Matzek zum Leiter der ORF-Hauptabteilung Bildung, Wissenschaft und Zeitgeschehen ging jüngst ohne Querelen auf dem Küniglberg über die Bühne. Der Grund dafür ist Matzek selbst: Der 54-Jährige, zuletzt für den Aufbau von „Universum History“ verantwortlich, hat in diesem Bereich für den ORF schon in unterschiedlichsten Arbeitsverhältnissen und für so ziemlich jede Sendung gearbeitet.

Diese Hauptabteilung ist ein weites Feld, erzählt Matzek beim Gespräch im Technischen Museum. Zu ihr gehören acht Sendereihen in ORF1 und ORF2 wie „Universum“, „Menschen & Mächte" oder „Newton“. Dazu komme die Berichterstattung in den aktuellen ORF-Info- und Infotainment-Sendungen. Und dass man die tägliche 3sat-Wissenschaftssendung „nano“ mitbestücke, „wissen wohl nicht einmal Medienjournalisten“, meint Matzek, der betont: „Die aktuelle Wissenschafts-Berichterstattung ist mir sehr wichtig, auch wenn sie nicht preisgekrönt wird oder große Zeitungsberichte nach sich ziehen kann.“

Niedrige Hürden

Seine Hauptabteilung sieht Matzek als wichtigen Partner des Forschungsstandortes Österreich sowie von Bildung und Wissenschaft insgesamt. Deren Leistungen gehören für den gebürtigen Wiener aber nicht in den Elfenbein-Turm. „Wir im ORF arbeiten für das Publikum. Das sind nicht nur Hochschulprofessoren, sondern auch Menschen, die vielleicht ohne Schulabschluss sich trotzdem interessieren und faszinieren lassen. Und alle zahlen Gebühren. Ich habe deshalb auch kein Problem mit Infotainment. Ich meine, dass für die ORF-Flotte Wissenschaft und Bildung, die man auch niederschwellig einem breiten Publikum anbieten kann, wichtig ist.“

Das fängt bei der jungen Zielgruppe an. „Solche Angebote im ORF sind wichtig und wir müssen sie weiterentwickeln. Denn als etwa ,Newton‘, in dessen Geburtsstunden ich hautnah dabei war, konzipiert wurde, war ja noch keine Rede von Digital Natives. Hier ist ORF1 ein großes Hoffnungsfeld, und es ist reizvoll, mit Channel-Managerin Lisa Totzauer, Programmdirektorin Katrin Zechner und den Teams über neue Zugänge nachzudenken.“

Für ihn gelte da die alte Weisheit aus der Werbe- und TV-Branche, wonach der Köder nicht dem Angler, sondern dem Fisch schmecken müsse. Deshalb kann sich der Wiener auch mehr Interaktion mit dem Publikum und Vernetzung mit sogenannten Citizen-Science-Gruppen – Private, die sich mit z. B. Wetterphänomenen beschäftigen – vorstellen. „Aber bei allem, was wir tun und auf Sendung bringen, gilt die Maxime, dass es fundiert sein muss.“

Veränderungen kommen auch auf die Journalisten zu. „Unser Ziel ist ein Großressort Wissenschaft/Bildung/Zeitgeschehen. Expertise ist da nicht mehr an eine Mediengattung gebunden“, erklärt Matzek. Soll heißen: „Themen werden dem jeweiligen Sendungsformat und Medium entsprechend aufbereitet. Dazu zähle ich neben Fernsehen auch Radio und natürlich Online – ich bin absolut gegen Schrebergärten und Schranken.“ Er habe selbst schon früh Rechercheergebnisse zu TV-Beiträgen auf science.orf.at geteilt.

Qualitätsausweis

Eine Herausforderung gibt es auch im Naturfilm. „Viele der Pioniere sind 60 oder älter. Die Frage ist, wie schaffen wir Strukturen, mit denen wir trotz knapper Mittel die nachrückende, heimische Naturfilmer-Generation unterstützen können. Da fühlen wir uns als ORF verpflichtet.“ Und Matzek vielleicht sogar etwas mehr, weil er „als Bub schon Bienen und Ameisen in ein Heft“ gemalt hat. „Mit 16 war es dann eine Super-8-Kamera, mit der ich, von selbstgebauten Schilf-Hütten in der Lobau aus, Tiere gefilmt habe.“

Früh für Wissenschaft zu interessieren und Bildung zeitgemäß zu vermitteln, hält Matzek für wichtiger denn je: „Wir stehen heute einer ungeahnten globalisierten Informationsflut gegenüber, in der es keinerlei Qualitätsausweis mehr gibt. Zum Wesen von Wissenschaft gehört der Diskurs über richtig und falsch, ohne dass man sich gegenseitig den Schädel einschlägt. Wenn aber über Algorithmen Halbwahrheiten zum allgemeinen Wissensstand werden können, dann prägt das die Gesellschaft. Deshalb ist Wissen wichtig und der Wissenschaftsjournalismus als Disziplin. Da kann der ORF noch sehr viel leisten.“

Programm-Schwerpunkte

Der ORF erinnert an den Beginn des 2. Weltkriegs. Neben vielen Dokus gibt es auch Sonder-Ausgaben von „Menschen & Mächte“ (31. 8./1. 9.), die  Tarek Leitner präsentiert. Er wird dazu u. a. Hugo Portisch als Gesprächspartner im Studio begrüßen. 

Weitere Highlights: „Newton“ mit „Die durchs Feuer gehen“ (5. 10.) zur neuen ORF1-Show „Feuer und Flamme“. In ORF2 unter anderem:  „Universum: Die wunderbare Welt der Weingärten“ (8.10.) und  „Universum History: Die Europa-Saga“ (ab 11.10.).