Verena Altenberger feiert am Sonntag Premiere im Münchner "Polizeiruf 110"

© Hendrik Heiden/ARD

Kultur Medien
09/09/2019

BR-Direktor Scolik: „Regionalität ist nicht das Trennende“

Ex-ORF-Manager Reinhard Scolik über Verena Altenbergers „Polizeiruf 110“, den Sieg bei den Filmfestspielen Venedig und Streaming.

Es ist ein schräges Debüt: Am Sonntag bestreitet die Salzburger Schauspielerin Verena Altenberger („Die beste aller Welten“) im ARD-Hauptabend ihren ersten „Polizeiruf 110“ aus München. In „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ ist sie als Polizeioberkommissarin „Bessie“ Eyckhoff mit einem Jungen konfrontiert, der nicht spricht.

„Ich wollte unbedingt eine Frau als Nachfolgerin von Matthias Brandt im ,Polizeiruf‘“, sagt Reinhard Scolik, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR) und früherer ORF-Manager. „Altenberger ist eine auch in Deutschland preisgekrönte Schauspielerin und hat schon in der ORF-BR-Koproduktion ,Das Wunder von Wörgl‘ gespielt. Wir sind sehr glücklich, dass sie zugesagt hat.“

Unkonventionell

Dieser „Polizeiruf“ geht ungewöhnliche Wege, spielt mit der Realität und fordert die Zuseher. Was gewollt ist. „Der ,Polizeiruf‘ ist im Gegensatz zum bayerischen ,Tatort‘ das manchmal sogar avantgardistische, spitzere Produkt. Wir erlauben uns da mehr als in einem konventionellen Krimi“, erläutert der gebürtige Wiener. Das gilt auch für „Play“ (11. 9.), in dem sich eine junge Frau in einem Computerspiel verliert. „Ein wichtiger und toll gemachter Film.“

Das Spektrum der Serien- und Krimi-Schiene des BR für die ARD, zu der auch „Hubert ohne Staller“, „Watzmann ermittelt“, ab 2020 eine Krimi-Reihe aus Passau mit Michael Ostrowski oder das preisgekrönte „Hindafing“ zählen, ist bemerkenswert.

Das gilt nicht minder für den Kinofilm, den der BR coproduziert: Pietro MarcellosMartin Eden“ war in Venedig und Luca Marinelli wurde dort eben als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. „Eine sokühne wie schöne Inszenierung, die Marinelli in jeder Einstellung trägt“. „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck war zudem Oscar nominiert – und „Leberkäsjunkie“ ist in Bayern und Österreich ein Magnet mit über einer Million Kinobesuchern.

„Das ist eine große Bandbreite“, sagt der 61-Jährige. „Es muss ebenso Platz geben für große Publikumserfolge wie für sehr spezielle Produktionen, etwa das Videokunstprojekt ,Manifesto‘ mit Cate Blanchett.“ Das gewann u. a. drei deutsche Filmpreise.

Scolik sieht da den BR in der „Rolle des Ermöglichers“ wie auch bei der Förderung des filmischen Nachwuchses, wo man mit der Hochschule für Fernsehen und Film in München kooperiert. „Wir haben uns damit über Jahre einen guten Ruf erarbeitet.“ Und das hilft auch dem Sender. „Wir können mit den finanziellen Mitteln nicht mithalten, die Netflix und Co. derzeit investieren, um Kreative abzugreifen. Aber wir bieten frühe Förderung, redaktionelle Betreuung oder im Fall des Falles auch die Möglichkeit des Scheiterns. Das sind unsere Stärken, die angenommen werden.“

Servus Baby

Mit Streaming-Giganten auseinandersetzen müssen wird sich Scolik auch auf dem Podium bei den Österreichischen Medientagen. Bang ist ihm nicht. „Ich habe die depressive Stimmung bei traditionellen Sendern nie so ganz verstanden: Netflix und Amazon haben Streaming-Dienste. Ja, aber wir haben beides: mit den TV-Sendern ein lineares Angebot und über die Mediatheken ein non-lineares. Von der Grundaufstellung her gibt es keine Gründe, die Köpfe hängen zu lassen, die Finanzierung ist das Problem.“

Den BR sieht er für den digitalen Wandel gut gerüstet, weil man weiter ist als andere. „Wir produzieren sehr junge Serien wie ,Servus Baby‘. Die zielen vor allem auf jene, die Streamingdienste konsumieren – aber wir bleiben dabei immer sehr bayerisch, denn das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Denn Regionalität ist nicht das Trennende, junge Menschen haben nur eine andere Erwartung an den Stoff.“ Zudem sind fast alle neuen Sendungen vorab in die BR-Mediathek streambar. „Das hat uns noch nie geschadet.“

Neuaufstellung

Im Management wird wiederum 2020 die trimediale Aufstellung abgeschlossen. In der Kulturdirektion unter Scolik geht es dann genauso um die drei Klangkörper wie um Radio, den Bereich TV (BR Fernsehen, ARD-alpha, 3sat) und Angebote im Netz, wo man an neuen digitalen Entwicklungen im Bereich Wissen und Kultur arbeitet.

Über all dem steht auch hier die Finanzierungsfrage: Der Rundfunkbeitrag, derzeit 17,50 Euro, wird letztlich von den Ministerpräsidenten festgelegt. „Wir haben seit 2009 keine Beitragserhöhung bekommen und hatten zwischendurch sogar eine Senkung. Wir brauchen also eine Erhöhung.“ Allerdings gibt es Gegenwind aus Deutschlands Osten – obwohl just der Mitteldeutsche Rundfunk das erfolgreichste Dritte Programm ist. Auf Platz 2 liegt übrigens bei steigenden Quoten der BR.

Im März 2016 wechselte Scolik vom ORF, wo der frühere Programm-Direktor in der Folge als sparfreudiger Administrationschef bekannt war, nach München. Sein Vertrag läuft 2021 ab. Und dann? „Bayern ist sehr schön, daher möchte ich auch weiter gerne in Bayern bleiben“, sagt Scolik.

Programm-Vorschau

Am 11. September sendet der BR die ORF-Co-Produktion „Lebensborn. Die vergessenen Opfer“ (22 Uhr).

Verena AltenbergersPolizeiruf 110“    ist nach dem Debüt (Sonntag, 20.15, ARD)  am 8. Dezember zu sehen.

Josef Hader ist als Stefan Zweig in „Vor der Morgenröte“, kurz nach dem ORF, am 17. September   auch in der ARD (22.45 Uhr) zu sehen.

Am 15. Oktober heißt es wieder „Gottschalk liest?“. Die Buch-Sendung des ROMY-Platin-Preisträgers wird 2020 vom BR fortgesetzt.

Ab 23. Oktober  ermittelt ROMY-Preisträger Christian Tramitz mit Reimund Girwidz  wieder als „Hubert ohne Staller“ (18.50, ARD).

Staffel 2 von „Hindafing“ startet am 26. November im BR (ab 7. November bei Arte).

Für 2020   u. a. avisiert: „Passau Krimi“ mit Michael Ostrowski (ARD), „Lebenslinie Adele  Neuhauser“ (BR), „Das Institut “ (Staffel 2) mit Robert Stadlober (BR).