„Der Disney-Killer“: Zwei alte Kinder hinter verschlossenen Türen
Zwillingspaar: Felix Caspar Künzli und Anna Suzuki Lee.
Sie schlafen auf Bergen von Schokoladensilberpapier, verlassen die Wohnung nicht, wagen nur kurze, prüfende Blicke durch die Lamellen vor dem Fenster hinaus in eine bedrohliche Welt, in der eine undefinierte Gefahr droht. Ein Geschwisterpaar versinkt in seiner eigenen Vorstellung. Hat hier eine Katastrophe stattgefunden? Sind Presley und Haley Stray die einzigen Überlebenden einer Katastrophe? Von Atomkrieg ist die Rede, von einer Apokalypse gar.
In Philip Ridleys Stück „Der Disney Killer“ haben zwei alte Kinder nur einander. Angeblich sind sie schon 28, benehmen sich aber, als wären sie acht. Sie leben von den Erinnerungen an ihre lang verstorbenen Eltern, ernähren sich von Schokolade und dröhnen sich mit Tabletten zu, um ihre Albträume in den Griff zu bekommen. Als jemand von außen in dieses muffige, selbst errichtete Gefängnis der beiden eindringt, gerät die vermeintliche Stabilität des seltsamen Paares aus den Fugen.
Das Stück des britischen Autors wurde 1991 in London uraufgeführt, 1992 war die deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Theater in Berlin. Im Max Reinhardt Seminar zeigt Regiestudent Julian Rohrmoser seine Version dieses finsteren Pop-Horror-Märchens als Vordiplominszenierung. Ein schwieriger, sperriger Stoff, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt.
Das Stück verlangt den Schauspielern viel ab. Felix Caspar Künzli und Anna Suzuki Lee sind das ungleiche Zwillingspaar, das seit Jahren im Pyjama zu wohnen scheint. Er fiebrig nervös, sie schlafwandelnd.
Jason Elvis Klare ist als Disney-Killer mal bedrohlich, in seiner Eitelkeit aber auch für den einen oder anderen Lacher gut, ebenso wie das in ein Fetisch-Outfit gewandete Horror-Wesen namens Mistgabel (Jakob Nepomuk Eder) – die Kostüme stammen von Lena Todter. Traumata scheinen hier real zu werden. Leise Beunruhigung weicht bald einem grellen Albtraum-Szenario.
Kein Wohlfühlabend
Beachtlich ist die Zusammenarbeit von Bühne (Daphne Grauer), Licht (Paul Eisemann) und Musik (David Lipp): Zunächst versinkt diese geschlossene Gesellschaft in Bergen aus Stanniolpapier. Der Raum für den Albtraum entsteht, wenn die beiden u-förmigen Quader, die den Wohnraum andeuten, sich öffnen und dahinter eine Licht-Installation und eine Leiter allerhand akrobatische Herausforderungen für die Schauspieler bieten. Ein Wohlfühlabend ist das hier nicht. Dafür einer, an den man sich erinnert.
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