"Der blinde Passagier“ von Maria Lazar: Versuchsanordnung über Courage
In ihrer subtilen Josefstadt-Inszenierung „Ein deutsches Leben“ ergänzte Andrea Breth die Erinnerungen der Sekretärin Brunhilde Pomsel, die nichts von der „Endlösung“ gewusst haben will, gefinkelt um Schlager der NS-Zeit. Diese gaukelten eine heile Welt vor – oder waren, weil der Krieg schon jahrelang tobte, Durchhalteparolen, darunter „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. 1942 kam auch „Davon geht die Welt nicht unter“ heraus: „Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau“.
Dieses Lied erklingt im Landestheater NÖ aus einem Radio. Wiewohl Maria Lazar ihr Drama „Der blinde Passagier“ in einem recht eng definierten Zeitfenster spielen lässt: nach dem „Anschluss“ Österreichs und wohl auch nach der „Reichskristallnacht“ im November 1938 – und vor der Besetzung Dänemarks 1940.
An der deutschen Küste hat ein dänisches Paketboot angelegt. Kapitän Petersen macht seine Geschäfte, die Politik interessiert ihn nicht. Sohn Carl, Leichtmatrose mit schwerem Gemüt, war nicht, wie der Vater, Schwester Nina und deren Verlobter an Land gegangen: Ohne zu zögern, rettet er einen jüdischen Arzt aus Wien, der von den Nazis gejagt wurde, aus dem eiskalten Wasser. In der Folge entspinnt sich an Bord des Segelschiffes ein kleiner Thriller um Courage und Obrigkeitshörigkeit.
Ein Tanz lang Hoffnung
Nina steht ihrem Bruder bei, der den Fremden im Frachtraum versteckt hat, ihr Verlobter Jörgen hingegen will ihn den Behörden ausliefern. Und der bärbeißige Kapitän lässt sein goldenes Herz durchblitzen. Ein Happy End darf man aber nicht erwarten, auch wenn es kurz, einen Tanz lang, danach aussieht.
Maria Lazar, 1895 in Wien geboren, hat diese holzschnittartige Parabel 1938/’39 im dänischen Exil geschrieben. Wie viele ihrer Werke wurde auch „Der blinde Passagier“ erst vor ein paar Jahren von den Nachfahren entdeckt – und 2024 in einem Band mit Lazars „vergessenen Theaterstücken“ veröffentlicht, 2025 folgte in Düsseldorf die Uraufführung. In der österreichischen Erstaufführung, die am Freitag in St. Pölten stattfand, betont Bühnenbildnerin Mira König die abstrakte Konstellation: Sie lässt die Handlung nicht auf einem Boot aus Holz spielen, sondern in einer Art Werft mit Brücken aus Metall. Den Werkstattcharakter der psychologischen Versuchsanordnung unterstreichen große, herabhängende Lampen.
In einer gespenstischen Szenerie
Für Atmosphäre sorgen – neben Nebelschwaden – Toncollagen mit Möwengeschrei, Sirenen und surrenden Motoren. Und Aki Traar schafft mit pumpernden Synthi-Melodien eine gespenstische Atmosphäre. Regisseurin Mira Stadler beschränkt sich in diesem Setting auf eine exakte Personenführung. Die Rollen sind ohnedies klar akzentuiert: Der die „Wahrheit“ lesende Carl des Tobias Artner wächst nervös über sich hinaus, Lukas Walcher macht mit tieftraurigen Blicken sein Schicksal als „ewiger Passagier“ überdeutlich. Wolfram Rupperti darf einen Bilderbuchkapitän geben. Und Julian Tzschentke zeichnet den Mitläufer Jörgen derart unsympathisch, dass man der herzensguten Nina – Laura Laufenberg sticht im strahlend gelben Kleid heraus – einen anderen Mann wünscht. Bettina Kerl steuert gegen Ende als Mutter ein paar heitere Ansagen bei: Sie verstärken noch die Tragik des Schlusses.
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