Jugend unter den Mullahs: „Sehnsucht nach modernem Leben“

Der iranische Regisseur Massoud Bakhshi dokumentiert in „All My Sisters“ das Aufwachsen seiner Nichten unter dem Mullah-Regime; derzeit ist er auf Wien-Besuch.
Singende Mädchen mit KOpftuch im Iran.

Der iranische Regisseur Massoud Bakhshi hat seinen eigenen Film noch nie auf der Kinoleinwand gesehen – und schon gar nicht mit Publikum. Doch nun hat er es direkt aus dem Iran nach Österreich geschafft, wo der Filmstart seines neuen Films „All My Sisters“ gefeiert wird: „Der Film ist der erste österreichische Film auf Persisch“, lacht Massoud Bakhshi im KURIER-Gespräch; „All My Sisters“ (derzeit im Kino) ist eine Co-Produktion der österreichischen Firma Amour Fou.

Über 18 Jahre lang begleitete Bakhshi mit der Kamera das Aufwachsen seiner beiden Nichten Zahra und Mayha. Später kam noch deren kleine Schwester Maleka hinzu. Von Anfang an gewöhnte er die Kinder an die Kamera und beobachtete sie in ihrem Alltag beim Spielen, anlässlich von Familienfeierlichkeiten oder bei geschwisterlichen Streitereien.

REGISSEUR MASSOUD BAKHSHI

Regisseur Massoud Bakhshi anlässlich des Kinostarts von "All My Sisters" auf Wien-Besuch.

Die Erwachsenen werden nicht gezeigt, sondern dringen nur von außen mit ihren Stimmen ins Bild. Die Großmutter zum Beispiel: Als die kleine Zahra im Zimmer tanzt, erklärt sie ihrer Enkelin, dass Tanzen Sünde sei. Sofort weckt sie damit den Widerspruch des Kindes, das sich das Tanzen nicht verbieten lassen will: „Eines der Hauptthemen meines Films war der Unterschied zwischen den Generationen und die Revolte der Jungen gegen die etablierten Werte der Eltern“, sagt der Filmemacher: „In der Montage des Films habe ich gesehen, dass in jeder Szene so etwas wie ein Konflikt entsteht. Und Szene für Szene entwickeln sich die Widersprüche weiter bis hin zum Ende.“

Ursprünglich hatte Bakhshi geplant, die Kinder sieben Jahre lang, bis zu ihrem Eintritt in die Schule, zu begleiten. Doch als sie dieses Alter erreicht hatten, machte er weiter: „Ich dachte, es könnte spannend sein, ihr Leben außerhalb der eigenen vier Wände zu beobachten und zu sehen, was dann draußen passiert.“

Englisch lernen

Die Mädchen lernen, wie man den Schleier anlegt, gehen in die Schule, spielen mit Barbies – und lernen Englisch. Tatsächlich war der Iran vor dem Staatsstreich der CIA 1953, der sich gegen die Verstaatlichung der Erdölindustrie richtete und Premier Mossadegh stürzte, ein sehr frankophones Land, erzählt Bakhshi: „Die Intellektuellen sprachen alle Französisch.“ Das änderte sich nach 1953: „Englisch wurde zu einer Art Fieber, und viele Eltern ließen ihre Kinder Englisch lernen. Viele Iraner mögen den amerikanischen Lifestyle, die Jeans, das Coca-Cola, die Autos, Hollywood. Das ist eines der vielen Widersprüche.“

Die kleinen Kinder entwickeln sich zu jungen Frauen, die Differenzen mit den ihnen auferlegten Regeln und Vorschriften nehmen zu. Irgendwann hört man von draußen die Proteste der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung ins Wohnzimmer dringen – was zu einem Konflikt zwischen einer weinenden Zahra und ihrer Mutter führt: „Wie man in meinem Film sehen kann, wollen die jungen Menschen im Iran vor allem eine eigene Stimme“, so der Regisseur: „Die ganze junge Generation wünscht sich das, und ihre Verbindung zum Internet ist sehr wichtig. Sie sehen andere Menschen, andere Lebensweisen und sehnen sich danach, mit dieser Welt zu kommunizieren. Das liegt an der Tatsache, dass die junge Generation in diesem Land wirklich große Sehnsucht nach einem modernen Leben hat.“

Bevor er den Film veröffentlichte, zeigte Massoud Bakhshi ihn seinen Nichten und holte ihre Erlaubnis ein. Er selbst will in den Iran zurückkehren und weitere Filme drehen: „Ich sehe Hoffnung am Horizont. Mit Blick auf die vielen jungen Menschen, die im Iran leben, glaube ich an die Hoffnung.“

INFO: Im Anschluss an die Vorstellung am Dienstag, 28. 4., 19:30, Stadtkino Wien, nimmt Massoud Bakhshi an einem Podiumsgespräch teil.

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