Kultur
21.10.2017

Mary Poppins war nicht so einsam

"Dann schlaf auch du": Prix Goncourt 2016 für Leïla Slimani

Bevor der deutsche Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach mit dem Philosophieren anfing, skelettierte er Kriminalfälle, erklärte nichts, ließ wirken ... und bei "Dann schlaf auch du" ist es nicht viel anders.

Leïla Slimani hat ein paar Hautfetzen drauf gelassen, und es ist sogar noch ganz wenig Blut in dem Roman, der ihr 2016 den Prix Goncourt brachte und rund 500.000 verkaufte Exemplare allein in Frankreich.

Weder bei Schirach noch bei der marokkanisch-französischen Autorin kommt Spannung aus der Handlung: Man weiß es ja von Anfang an, es hat ein "Kindermädchen" die beiden anvertrauten Kinder umgebracht.

Und anhand der folgenden Informationen soll man selbst überlegen, warum sie das wohl gemacht hat bzw. ob man für das Unfassbare ein wenig Verständnis aufbringt.

Psychologisch ist das sehr spannend.

Literarisch ist es total berechnend.

Wenigstens ...

Angeblich handelt es sich um einen wahren Fall aus New York, der von Slimani nach Paris versetzt wurde.

Jeder Mensch, so hat schon Dostojewski festgehalten, müsse wenigstens irgendwo hingehen können ...

Louise – Mitte 40 – hat in ihrer eigenen Familie nur Schulden geerntet. Eine einsame Frau, die wenigstens als Nanny zu einem Ehepaar mit einem Mädchen und einem kleinen Buben geht. Die Eltern wollen wieder mehr arbeiten, als Musikproduzent bzw. als Anwältin, sie sind keine Sklaventreiber, und Louise schupft alles, auch den Haushalt – sie ist ein Traum. Und die Arbeitgeber sind sehr in Ordnung.

WAS ALSO? Warum? Warum die Kinder? Die Verunsicherung ist riesengroß. Sie hat das Buch zum Bestseller gemacht.



Leïla Slimani:
„Dann schlaf auch du“
Übersetzt von
Amelie Thoma.
Luchterhand
Verlag.
224 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****