Marlene Streeruwitz, die am heutigen Tag 64 Jahre alt wird, ist als Romanfigur Nelia Fehn wieder 20

© APA/HERBERT NEUBAUER

Wer noch an die Literatur glaubt ...
06/28/2014

Wer noch an die Literatur glaubt ...

Die gebürtige Niederösterreichern Marlene Streeruwitz rechnet mit den Selbstdarstellern rund um den Deutschem Buchpreis ab – und zwar durchaus Buchpreis-verdächtig.

von Peter Pisa

Nachkommen" kann man nicht nur loben – man kann sogar sagen, worum es geht.

Das war bei Marlene Streeruwitz’ vorangegangenem atemlosen Roman "Die Schmerzmacherin" über die Mitarbeiterin einer privaten Sicherheits- bzw. Terrorfirma nicht so einfach möglich.

Diesmal ist alles langsamer, mitfühlend, deutlicher:

Die Literatur ist tot, es geht nur noch um "Bücher" – um Waren, die Geld bringen; um die Eitelkeiten im Literaturbetrieb; um die Präsentation von neuen, am besten jungen Autorinnen, die man besser vermarkten kann.

... und sollte noch jemand unter uns sein, die/der leidenschaftlich meint, nein, nein, es gehe ums Erzählen, wie das sei, in bösen Zeiten regiert zu werden – dann wartet das Prekariat, und die Kälte "draußen" wird umwerfend sein.

Jetzt 20

Marlene Streeruwitz (die heute 64 wird) hat sich neu erfunden. Sie ist jetzt 20 und heißt Nelia Fehn.

Nelia hat einen Roman geschrieben, "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland": gegen den Kapitalismus, für die verstorbene Mutter und für die Liebe zu einem Griechen, der bei einer Demo gegen die EU-Troika am Bein verletzt wurde.

Damit ist sie ins Finale um den Deutschen Buchpreis gekommen, so wie es 2011 Streeruwitz mit ihrer "Schmerzmacherin" gelungen war.

Und beide – Schriftstellerin und Romanfigur – haben bei der Verleihung am Vorabend der Frankfurter Buchmesse bestimmt gedacht:

"Das ist alles nicht richtig."

Nelia braucht das Preisgeld. 1.) weil sie so gut wie nichts hat (außer Vernichtungsangst) und sich vor allem von Wasser zu ernähren scheint; 2.) weil sie mit den 40.000 Euro ihrem Freund die Operation zahlen würde.

In ihrem Fall hat das "Literaturkränzchen" Sinn.

Wahrscheinlich würde sie auch gern ihrer Mutter im Himmel, die ihr schrecklich fehlt, zeigen, was sie kann. Mutter war eine bekannte Schriftstellerin.

Die Abrechnung mit dem Zirkus ist der (dicke) Rahmen von "Nachkommen".

Darin steckt das etwas zu klein geratene Bild von Nelias Vater, der sich erstmals bei ihr rührt. Er wollte damals, dass Nelias Mutter abtreibt.

Ein Frankfurter Literaturprofessor – folglich untauglich, uninteressant.

Und jetzt kommt’s: "Die Reise einer Anarchistin in Griechenland" erscheint tatsächlich (im September, ebenfalls im S. Fischer Verlag). Geschrieben von Nelia Fehn – also von Marlene Streeruwitz.

Eine großartige Idee. Literatur wird so ernst genommen, dass mit ihr gespielt werden darf.

Sieht sehr danach aus, dass heuer Streeruwitz beste Chancen auf den Buchpreis hat. Oder vielleicht doch eher Streeruwitz.

KURIER-Wertung:

INFO: Marlene Streeruwitz: „Nachkommen“ S. Fischer Verlag. 432 Seiten. 20,60 Euro.

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