Kultur
05.12.2011

Marlene Streeruwitz - "Die Schmerzmacherin"

Streeruwitz fodert in ihrem neuen Roman die Leser - dafür schenkt sie einem Empörung und Trauer.

Sie hat keine Ahnung, was sie da treibt. Sie treibt einfach, weil man irgendetwas tun sollte. So jung ist sie mit 24 ja auch nicht. Also wird sie von Verwandten in eine Ausbildung getrieben. Im Gegensatz zu dieser Frau, Amy Schreiber genannt, weiß die in Baden bei Wien geborene Schriftstellerin Marlene Streeruwitz genau, wo es hingeht. Wenn man sich vorstellt, dass ihre neueste Romanfigur, eben Amy, vorwiegend sitzt oder im Bett liegt oder isst oder im Krankenhaus steht - und wenn man beim Lesen trotzdem ständig Gefahr spürt, ständig von Geheimnissen umgeben ist, ständig unangenehm berührt wird ... dann darf man wohl sagen: "Die Schmerzmacherin" steht nicht nur auf der 20 Titel umfassenden Longlist für den Deutschen Buchpreis, sondern ist Mitfavoritin.

Sicherheit

Amy ist eine Verlorene. Ein Fläschchen Wodka ist anfangs immer in ihrer Tasche. Sie, die Sicherheit braucht, heuert bei einer internationalen Sicherheitsfirma mit Stützpunkt an der deutsch-tschechischen Grenze an. Sie wird trainiert, um Einsätze organisieren zu können. Kollegen reden über einen "Söldner" aus ihren Reihen, der in Afghanistan gefangen wurde. Und unterhalten sich über die Osama-bin-Laden-Aktion. Gewalt bekommt Amy zunächst privat zu spüren: Ihrem Freund werden die Knie zerschmettert. Von wem? Und wieso ist ein Tag ganz aus ihrem Gedächtnis gelöscht? So kommen wir an jene Orte, auf die Streeruwitz in ihrem knappen, beeindruckenden Stil (ohne berüchtigte Satz-Verdrehungen) zusteuert: Wer bin ich? Was ist real? Eh klar. Aber das letzte Ziel der Lesereise, nicht einfach zu finden, ist, wie das Private heute immer öffentlicher wird. Also einerseits die Firmen wie Blackwater, die sich in Aufgaben des Staates mischen und sich weniger um Menschenrechte und mehr um eigene Finanzen kümmern. Andererseits Firmen, die sich ins Leben ihrer Mitarbeiter drängen, also sie sogar am Klo beobachten. Streeruwitz fordert immer volle Konzentration. Dafür schenkt sie uns Empörung und Trauer.

KURIER-Wertung: ***** von (*****)

Info: Marlene Streeruwitz - "Die Schmerzmacherin" (S. Fischer Verlag. 320 Seiten, 20,60 Euro)