Marlene Dietrich in den 1950ern

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Doppelbiografie
12/02/2017

Marlene Dietrichs geheime Schwester

Auf den Spuren von Elisabeth Will, die keine Interviews geben durfte.

von Peter Pisa

Das ist die Geschichte von Elisabeth "Liesel" Will, und man muss sehr aufpassen, dass es nicht die Geschichte der Marlene Dietrich wird.

Denn ├╝ber den singenden Hollywood-Star hat man oft gelesen, und es ist bekannt, mit welchem Mann und welcher Frau sie wo ... wobei ihr Sex angeblich keinen Spa├č machte, sie tatÔÇÖs nur, um zu gefallen bzw. zu tr├Âsten. Mit Hemingway hatte sie nie Sex, sie schenkte ihm und seiner Frau ein Doppelbett aus dem Ritz, es war voller Wanzen, das konnte sie nicht wissen, und schon haben wir den Salat: Bei der Dietrich kann man gar nicht aufh├Âren zu schw├Ątzen.

Aber Liesel Will?

Sie war Marlenes Schwester, um knapp zwei Jahre ├Ąlter.

Klein war sie, mollig, eine graue Maus, ein "Tugendmoppel", eine Brave, Introvertierte. Es gibt nur wenige Fotos von ihr, beh├╝tet von der Deutschen Kinemathek in Berlin, die den Nachlass der Diva f├╝r f├╝nf Millionen Dollar ersteigert hatte

Marlene Dietrich untersagte ihr, sich fotografieren zu lassen. Interviews durfte sie keine geben. Wollte sie aber ohnehin nicht. Mutter hatte ihr stets eingetrichtert, sie habe von nichts eine Ahnung. (Im Gegensatz zu Marlene.)

├ľffentlich wurde Liesel verleugnet.

Aber heimlich geliebt von Marlene Dietrich: "Du S├╝├če ..." Geliebt und gro├čz├╝gig beschenkt.

Bergen-Belsen

Warum das so war, verr├Ąt der deutsche Journalist und Autor Heinrich Thies im Buch "Fesche Lola, brave Liesl".

Weil daf├╝r allerdings wenige Seiten reichen, denn gar so viele Fakten lassen sich ├╝ber die "brave Liesel" nicht zusammentragen, musste Thies eine Doppelbiografie schreiben,also viel ├╝ber Marlene Dietrich. Au├čerdem bewegt er sich hart an der Grenze zum Roman.

Egal jetzt: Als Marlene Dietrich im Mai 1945 in US-Uniform nach Deutschland geflogen kam, suchte sie sofort nach ihrer Schwester. Sie vermutete Liesel im KZ ÔÇô eine Gefangenschaft aus Rache, denn die "Vaterlandsverr├Ąterin" hatte GoebbelsÔÇÖ und Hitlers Lockrufen widerstanden und war amerikanische Staatsb├╝rgerin geworden.

Aber Liesel war nicht in einem KZ, sondern neben dem KZ Bergen-Belsen: Ihr gro├čkotzerter Ehemann Georg Will war schnell Parteimitglied geworden und hatte auf dem Truppen├╝bungsplatz ein gro├čes Kino geleitet. Zarah Leander als Ersatz f├╝r Marlene. Ein Kino f├╝r die SS. Liesel Will wohnte mit Mann und Sohn neben den Baracken von Bergen-Belsen, dieser Vorh├Âlle auf dem Weg in die Vernichtungslager. 50.000 Menschen kamen in Bergen-Belsen ums Leben. Der Abtransport der Leichen in rasch ausgehobene Massengr├Ąber war schwer zu ├╝bersehen gewesen.

Jahre sp├Ąter machte Liesel bei einem Abendessen den Mund auf: "War eh nicht so schlimm."

Marlene Dietrich ma├čregelte sie schreiend.

Liebe Pussycat

Liesel war einsam gewesen. Nie w├Ąre sie nach Niedersachsen ├╝bersiedelt. Sie war Berlinerin, sie war Lehrerin. Eine gebildete, eine belesene, manchmal etwas hilflose Frau.

Nach der Heirat lie├č Georg Will sie nicht mehr arbeiten. Lichtblick war ihr Sohn. Auf dem Truppen├╝bungsplatz verabschiedete sich der Bub von ihr, er meldete sich zur Waffen-SS.

Nach dem Krieg wurde die Einsamkeit so gro├č, dass sie station├Ąre psychiatrische Hilfe brauchte. Der Ehemann lie├č sie sitzen, der Sohn heiratete. Liesel Will blieb allein in Bergen (wo Adolf Eichmann unerkannt im Nachbarort wohnte und H├╝hnereier verkaufte).

Marlene Dietrich war in st├Ąndigem Kontakt mit ihrer Schwester. In Brief- und Telefonkontakt freilich. "Du S├╝├če" ÔÇô "Liebe Pussycat". Am Reichtum durfte sie immer teilhaben. Aber Liesel brauchte wenig. Einen Tauchsieder vielleicht ...

Bei einem Brand in ihrer Wohnung starb Elisabeth Will 1973. Der ├╝berhitzte Tauchsieder lag auf einer Plastikdecke.

Die Dietrich starb 1992. Im Dokumentarfilm, den Maximilian Schell 1984 gedreht hatte, antwortete die damals 83-j├Ąhrige auf die Frage, ob sie eine Schwester gehabt habe:

"Nein."

Heinrich Thies:
ÔÇ×Fesche Lola,
brave LieselÔÇť
Verlag Hoffmann
und Campe.
416 Seiten.
24,70 Euro.

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