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Kultur
03/12/2019

Mark Rothko im KHM: Malerei für die Mönchszelle

Die Werkschau des großen US-Künstlers (bis 30.6.) erfordert und belohnt geduldiges Schauen

Ästhetische Ergriffenheit gibt es nicht auf Rezept. Den Gemälden von Mark Rothko eilt aber der Ruf voraus, Menschen nicht kalt zu lassen, weil – ja, warum eigentlich?

Die Bilder erzählen keine Geschichten, sind völlig abstrakt, nur Farbe und Fläche, und als solche der Inbegriff der modernen Malerei, die sich von aller Nachahmung emanzipiert hat. Dennoch, oder gerade deswegen, hat das Kunsthistorische Museum (KHM) nun die erste Werkschau des 1970 aus dem Leben geschiedenen US-amerikanischen Malers in Österreich realisiert: Wie schon bei der Lucian Freud- Schau (2013/’14 ) ist das Anliegen, Kontinuitäten zwischen Alten und Neuen Meistern zu betonen.

Ganz im Sinn des Malers, der sich mit Erklärungen zu seinen Bildern stets zurückhielt, legt die Schau allerdings keinen Lehrpfad aus, sondern lässt das Publikum zunächst einmal schauen. Dabei folgt der Parcours einer klugen Dramaturgie, die zentrale Momente von Rothkos Kunst – Einkehr, Askese, Würde – auch ohne Worte zu formulieren imstande ist.

Kleine Anfänge

Am Anfang steht jedoch mehr Ernüchterung als Überwältigung: Die Frühwerke, die im ersten Saal der Schau aufgefädelt sind, zeugen zunächst von einer Suche entlang der Kunstströmungen der 1930er- und ’40er-Jahre. Surrealismus und seine italienische Verwandte „Pittura Metafisica“ standen für den jungen Rothko ebenso Pate wie Cézanne und Picasso. Aber der Maler, der 1913 zehnjährig aus Litauen in die USA gekommen war, beobachtete eben auch Renaissance-Architektur und imitierte – etwa im „Portrait of Mary“ 1938/’39 – die Mensch-Raum-Fenster-Anordnung in Vermeers Meisterwerk „Die Malkunst“. Dieser Kosmos erschließt sich nach und nach.

Kurator Jasper Sharp hat für seinen Katalogbeitrag die Bezüge Rothkos zur europäischen Kunstgeschichte minutiös recherchiert. Tatsächlich orientierte sich der Maler, dessen Werk häufig als Beleg für die Eigenständigkeit amerikanischer Kunst herangezogen wurde, primär an historischen Vorbildern, die er im New Yorker Metropolitan Museum und auf vier Europa-Reisen zwischen 1950 und 1966 studierte.

Besonders angetan war Rothko von den Fresken Fra Angelicos im Kloster San Marco in Florenz (1438 – ’50): Die Gemälde, jedes in einer eigenen Mönchszelle, exemplifizierten die ideale Betrachtungssituation, die ihm für seine Bilder vorschwebte.

Die Wiener Schau ahmt dieses Setting nach, indem sie einige Gemälde aus Rothkos früher „klassischer“ Phase (1949–1956) einzeln in Kabinetten im Umgang der KHM-Gemäldegalerie zeigt. Das Licht hier ist schwach, doch wenn sich das Auge daran gewöhnt hat, lässt sich die spezielle Qualität von Rothkos Malerei sehen: Es sind nie nur Farbflächen, die sich hier in rhythmischer Folge aneinanderreihen – vielmehr ergeben zahllose übereinander gemalte Farbschichten ein Gebilde, das scheinbar schwebt und von innen heraus leuchtet.

„Ewige Wahrheiten“

Rothko sah es als Aufgabe des Künstlers, „den Menschen ewige Wahrheiten nahezubringen, indem er diese Wahrheiten in die Sprache der Sinne übersetzt“. Ein solcher Absolutheitsanspruch, in Worte gefasst, klingt reichlich pathetisch, und es obliegt tatsächlich jedem und jeder einzelnen, ihn vor Rothkos Bildern nachzuvollziehen oder eben nicht.

Ihr Rezensent jedenfalls kippte auf die Gemälde rückhaltlos hinein. Und die durchaus musikalisch zu nennende Virtuosität Rothkos, pure Farbe in harmonische Verhältnisse zu Bildfläche und Umraum zu bringen, erlebt ein Crescendo in jenem Saal, der den sogenannten „Seagram Murals“ gewidmet ist: Als Auftragswerk zur Ausstattung eines Restaurants schuf Rothko 1958–’59 insgesamt 32 Großformate, von denen das KHM ganze sieben zeigt.

Die Bilder sollten die Lokalgäste, die beim Essen Stunden vor den Bildern verbrachten, ästhetisch-spirituell durchfluten – Rothko musste allerdings einsehen, dass ein New Yorker Nobellokal mit einem Kloster-Speisesaal der Frührenaissance nur bedingt vergleichbar war, und zog den Auftrag zurück. Die „Harvard Murals“ in Boston und die „Rothko Chapel“ in Houston, die er danach ausstattete, kamen der Idee künstlerischer Erfahrungsräume stärker entgegen.

Zweifacher Fokus

Das KHM bietet Rothkos Bildern nun einen Kunsttempel der anderen Art. Der Sprung zu den Alten Meistern verlangt allerdings eine andere Sichtweise als die meditative Kontemplation, und er wird ohne begleitende Literatur oder Führung nur schwer zu schaffen sein. Es lohnt aber, sich auf beide Perspektiven einzulassen: Denn die Kunst ist genauso unmittelbare Erfahrung, wie sie ein über Jahrhunderte fortlaufender Dialog ist. Die Millionenpreise, die heute für Rothko-Gemälde gezahlt werden, sind letztlich auch nur Versuche, sich daran anzunähern.