© Burgtheater/Matthias Horn

Kritik
09/06/2021

"Maria Stuart" am Burgtheater: Macht? Nichts.

Martin Kušejs „Maria Stuart“- Inszenierung übersiedelte von Salzburg nach Wien.

von Georg Leyrer

An Macht muss man glauben. Als Untergebener, vor allem aber auch: als Mächtiger.

Denn: Was, wenn sich Macht nur als hohle Behauptung entpuppt; wenn sie verfliegt, wenn die anderen einfach nicht mehr mitspielen?

An diesem Moment im Leben der schottischen Königin klinkt sich Schillers Königinnendrama „Maria Stuart“ ein.

Maria kommt mit zweierlei Machtbehauptungen nach England: als Königin und zugleich als Schutzsuchende, gesichert also vom Völkerrecht. Doch ihre Cousine Elisabeth lässt ihr beiderlei absprechen, sie in den Kerker werfen und enthaupten.

Macht? Nichts.

Martin Kušej hat mit seiner Salzburger Festspielinszenierung nun das frisch renovierte Burgtheater wiedereröffnet. Man trifft, nach der Sommerpause und der Pandemie noch auf etwas staksigen Theaterbesucherbeinen, die beiden Königinnen schon im Ausnahmezustand. Und durcheilt zuerst eine steile emotionale Aufholjagd.

Birgit Minichmayr ist von Beginn weg eine stimmtobende Maria Stuart, der das Weltgefüge unter den Füßen weggezogen worden war. Angekettet eifert sie sich durch die zurechtfabrizierten Anwürfe, die sie in den Kerker brachten. Fassungslos versucht sie die verschlissenen Fäden ihrer Macht wieder zusammenzuknoten. Vergebens.

Sie wird sich im Laufe des 165-Minuten-Abends (die neuen Sessel sind zum Glück bequem!) enttoben, wird sich selbst die Freiheit kosten und am Schluss in Ruhe zum Schafott gehen.

Die Gegenbewegung vollführt Bibiana Beglau als Elisabeth: Sie starrt, zunehmend entsetzt, in den Abgrund ihrer eigenen Macht, ihrer Motive. Und verstrickt sich in all den Fäden, an denen beides hängt und die ihr jede Freiheit zur Gnade rauben.

Gnade

Denkwürdig die Szene, in der die beiden Cousinen einander begegnen. Über dem nackten Raum schwingt eine Glühbirne hin und her, Maria ist bereit, sich zu ergeben, Elisabeth ist bereit zur Gnade. Genau das Gegenteil passiert; wie, das ist auf fantastische Art mitzuerleben.

Achja, nackt: Ja, das ist die Inszenierung mit den vielen nackten Männern. Die spielen eine lebende Kulisse und die Rolle der Männer, zwischen denen sich die Königinnen behaupten müssen.

Das geht nicht ohne Opfer.

Tim Werths als Staatssekretär Davison ist am Ende der Gelackmeiertste von allen: Ihm überlässt Elisabeth, zu diesem Zeitpunkt eine Königin mit Machtphobie, Schuld und Sühne für die Hinrichtung Marias.

Leicester (Itay Tiran), der seine einstige Liebe Maria Stuart hätte retten können, lässt, gescheitert, Mortimer (Franz Pätzold) zum Selbstschutz über die Klinge springen. Und Burleigh (Norman Hacker) treibt die Scharfmacherei so lange voran, bis er sich verspielt hat.

Verpackt ist all die klassische Emotion in abstrakte Räume und ebenso abstrakte Glitch-Klänge aus der Electronic-Ecke. Auf dem Boden liegt Erde, die am Schluss an den nackten Männern picken bleibt. Sehenswert.

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