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Kultur
09/28/2012

"Majestät, ich heiß auch Prohaska"

Serie (Teil 3): "Wenn man trotzdem lacht, die Geschichte des österreichischen Humors". Heute: Der politische Witz.

von Georg Markus

Wie in Zeiten von Not und Elend das Kabarett zu neuer Blüte gelangte, so erreichte in Zeiten der Zensur der verbotene politische Witz besondere Popularität. Eine Pointe war in der Monarchie und in Diktaturen oft die einzige Möglichkeit, sich gegen die Obrigkeit zur Wehr zu setzen, oder wie es der deutsche Kabarettist Werner Finck formulierte: "Ein Diktator kann Wahlen verfälschen, Meinungsäußerungen knebeln, Fanatiker unschädlich machen. Nur gegen den Witz ist er machtlos." Tatsächlich ist die Ventilfunktion des Witzes fast so alt wie die Politik, gegen die er sich richtet.

Revolution

In der Revolution 1848 wartete ein Fiaker auf dem Standplatz auf Kundschaft. Als ein Mann vorüberging, rief ihm der Kutscher nicht sein gewohntes "Fahr ma Euer Gnaden" zu, sondern "Fahr ma zur Revolution, Euer Gnaden?"

Der Kaiser durfte in der Monarchie offiziell weder karikiert noch durften Witze über ihn erzählt werden. Doch über Franz Joseph waren mehr Witze in Umlauf als über jede andere Person. Da der Monarch gerne und viel spazieren ging, wurde er im Volksmund Prohaska genannt – was im Tschechischen so viel wie Spaziergang bedeutet.

Eines Tages besuchte der Kaiser ein Treffen pensionierter Soldaten. Die Veteranen traten an, der Kaiser unterhielt sich leutselig mit ihnen, stellte die üblichen Fragen: "Wie heißen Sie? – "Wo haben Sie gedient?"

Plötzlich will einer seinen Namen nicht nennen.

"Wie ist Ihr Name?", fragt Franz Joseph wieder, doch der Veteran bleibt stumm.

"Aber ich bitt Sie", redet ihm der Monarch zu, "ein Soldat wird doch keine Angst haben! So sagen Sie’s doch!"

Der Veteran würgt an der Antwort. Endlich kommt’s heraus: "Majestät, ich heiß auch Prohaska!"

Als "der alte Prohaska" 1916 seine Augen schloss, herrschte Krieg. Und auch sein Nachfolger, Kaiser Karl, war nicht davor gefeit, vom Volk belächelt zu werden.

georg.markus@kurier.at

GESCHICHTEN

mit Geschichte georg markus Der junge Monarch ließ als Erstes seinen Kriegsminister zu sich kommen. "Exzellenz", sagte der junge Kaiser, "teilen Sie Ihren Generälen mit, dass die Schlamperei ab sofort aufzuhören hat. Von jetzt an wird gesiegt!"

Da es nur ein Witz war, wurde auch weiterhin nicht gesiegt. Und so war das mächtige Kaiserreich bald zur kleinen Republik geworden.

Nach dem schwarzen Freitag am 25. Oktober 1929, der an der New Yorker Börse zu nie da gewesenen Kursstürzen und zum Ende der amerikanischen Hochkonjunktur führte, waren die Folgen auch in Europa dramatisch spürbar. Weit mehr als 200.000 Österreicher bezogen Ende des Jahres eine Arbeitslosenunterstützung, und Unternehmer lebten in ständiger Angst vor einer möglichen Pleite.

"Fritz, ich muss dir etwas Ernstes mitteilen."

"Mein Gott, was ist passiert?"

"Naja, dein Kassierer …"

"Ja, was ist mit ihm?"

"Ich habe ihn gestern im Hotel Orient gesehen, eng umschlungen mit deiner Frau!"

"Mein Gott, hast du mich erschreckt! Ich dachte schon, er ist mit der Kasse durchgegangen."

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch „Wenn man trotzdem lacht, Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors“, in dem die großen Humoristen, Sa­tiriker und Kabarettisten durch ihre Pointen und Biografien lebendig werden. 352 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Amalthea Verlag
€ 24,95. Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

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