Wurde zum Direktor bestellt, ohne das Volkstheater zu kennen: Kay Voges

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Kultur
06/19/2019

Neuer Volkstheater-Chef: Ging alles mit rechten Dingen zu?

Trenklers Tratsch. Kay Voges wird am Herbst 2020 das Volkstheater leiten. Er wurde gewissermaßen aus dem Hut gezaubert.

Am 7. Juni um 9 Uhr stellte Veronica Kaup-Hasler, die Wiener Kulturstadträtin, in einer Pressekonferenz Kay Voges, derzeit in Dortmund tätig, als Volkstheaterdirektor ab dem Herbst 2020 vor. Manche waren verdutzt, einige fühlten sich betrogen. Und zwar jene, die sich für das Haus beworben und versichert hatten, mit dem Budget ihr Auslangen zu finden.

Für sie schien da etwas nicht korrekt abgelaufen zu sein. Sich zu Wort zu melden, trauten sich die Verschmähten aber nicht. Denn der Großteil von ihnen arbeitet in Wien. Und weil sie von Förderzusagen oder Engagements abhängig sind, wollen sie es sich nicht verscherzen.

Paulus Manker aber äußerte sich schließlich doch. Er übermittelte der APA ein Statement, in dem er die Suche nach einer neuen Leitung – sie begann im Jänner mit der Ausschreibung – zusammenfasst und mit dem Satz endet: „Wenn das alles stimmt, dann ist dieser Vorgang ein absoluter Skandal.“

Wenn es, so Manker, stimme, dass sich Voges bis zum Ende der Ausschreibungsfrist gar nicht beworben habe, sondern wenn die Kulturstadträtin „in Panik und völliger Unkenntnis der Gegebenheiten nach Dortmund gehetzt“ sei, „um ihn plötzlich aus dem Hut zu zaubern“. Und zwar nachdem man über 70 Bewerber „monatelang in einen Wettbewerb mit ausführlichen Konzepten hingehalten“ hätte. Und nachdem „eine erstklassige Jury, die die Stadträtin ja selbst bestimmt hat, zweimal einen Anlauf genommen“ hätte, ihr die drei besten Kandidaten vorzuschlagen. Und nachdem „dann extra noch von der Stadt Wien das Budget des Theaters um zwei Millionen Euro erhöht wurde“.

Manker unterstellt Kaup-Hasler zudem, den Bewerbern mit ihrer Entscheidung „Zweitklassigkeit“ attestiert zu haben, eben weil sie „allesamt für das Volkstheater als nicht gut genug befindet“.

„Gewisse Unkenntnis“

Kaup-Hasler wies die Kritik sogleich zurück: Offensichtlich herrsche eine gewisse Unkenntnis das Auswahlverfahren betreffend. Man hätte das vorab festgelegte Procedere präzise eingehalten. Die Jury hätte einen ungereihten Dreiervorschlag abgegeben, aus dem, wie vereinbart, in Absprache mit dem Bund und der Volkstheater-Stiftung eine Entscheidung getroffen wurde.

Ging aber wirklich alles mit rechten Dingen zu? Zumindest Zweifel sind angebracht. Erst etwa zwei Stunden vor der Pressekonferenz am 7. Juni wurden die glücklosen Bewerber per Mail informiert: „Nach einem ausführlichen Bewerbungsverfahren haben sich die Stiftung und die Stadt Wien auf Vorschlag der Jury für ein anderes Konzept für das Volkstheater entschieden.“

Ein anderes Konzept? Bei der Pressekonferenz sagte doch Voges, nichts sagen zu können. Er sei ja erst zweieinhalb Wochen zuvor – also rund um den 20. Mai – gefragt worden, ob er nicht das Volkstheater übernehmen wolle.

Hat Ihr Tratsch-Partner etwas überhört? Er fragte im Kulturamt nach – und erhielt als Antwort: „Voges hat ein schriftliches Konzept vorgelegt und dasselbe bei einem Hearing der Jury präsentiert.“

Das Hearing fand übrigens am 24. Mai statt. Voges muss ein Wunderwuzzi sein: Obwohl er das Haus nie zuvor (!) betreten hatte, schrieb er ein derart luzides Konzept, dass er es sogleich auf den Dreiervorschlag schaffte.

Nun könnten Sie einwenden: Sagte Kay Voges nicht, dass er das Volkstheater sehr wohl besucht habe, wenn auch nur einmal? Stimmt. Aber er sah keine Volkstheater-Produktion, sondern die von den Festwochen nach Wien geholte „Hass-Trilogie“ in der Regie von Ersan Mondtag. Sie hatte erst nach dem Hearing Premiere.

Ihr Tratsch-Partner hätte das Konzept gerne einer Prüfung unterzogen. Doch das Kulturamt meinte: „Die zuständige Fachjury gibt grundsätzlich keines der eingereichten Konzepte weiter.“ Ihr Tratsch-Partner erbat es jedoch nicht von der Jury, sondern von der Stadträtin. Vielleicht gibt es gar kein Konzept? Oder, um die Worte von Manker zu verwenden: „Es lügt jemand.“ Denn Kay Voges gab nach seiner Designierung der APA ein Interview, in dem er freimütig gestand: „Zweieinhalb Wochen sind nicht ausreichend für ein Konzept. Das heißt: Jetzt wird gearbeitet.“

Wem wollen wir glauben? Voges zu glauben, ist aber auch nicht ratsam. Denn bei der Pressekonferenz fragte Ihr Tratsch-Partner, wie viele Besucher das Schauspiel Dortmund habe – und welche Auslastung. Voges meinte, er würde dies nicht wissen. Ein Theaterdirektor, der sich Intendant rufen lässt, und keine Ahnung über nicht ganz unwichtige Kennzahlen hat?

Voges nannte daraufhin 60.000 Besucher im Jahr und eine Auslastung von an die 80 Prozent. Klingt bescheiden. Dortmund ist ja kein Kaff (wie Utzbach, wo Thomas Bernhards Theatermacher gastieren muss). Ihr Tratsch-Partner fragte daher im Theater nach. Die Antwort: Es gebe im Schnitt rund 250 Vorstellungen pro Jahr (im großen Saal und in den Nebenspielstätten) mit einer Kapazität von 62.000 Plätzen. 45.000 Besucher würden eine Auslastung von 70 Prozent bedeuten.

Das Volkstheater bietet doppelt so viele Vorstellungen an – und hat, obwohl die Auslastung unter Anna Badora extrem zurückging, dreimal so viele Besucher.

„Total ausgeflippt“

Man kann zumindest froh sein, dass Kaup-Hasler nicht Ersan Mondtag verpflichtet hat. Der Feuilleton-Liebling (wie Voges) hatte sich in Dortmund während der Proben zu „Das Internat“ extrem ärgern müssen und wurde ausfällig: „Ich bin total ausgeflippt, habe mir den Zeh gebrochen, weil ich aus Wut gegen einen Sessel trat“, sagte er Ende April im Interview mit Der Tagesspiegel. Die Produktion wurde zudem, was Mondtag erzürnte, nach nur vier Monaten abgesetzt – weil, wie die Interviewerin einwirft, kaum noch Zuschauer gekommen seien.

Mondtag erwidert: „Zu vielen Stücken anderer Regisseure kommen auch keine Zuschauer, die bleiben richtigerweise trotzdem im Repertoire. Wo kommen wir hin, wenn wir Inszenierungen absetzen, weil die Zuschauerzahlen niedrig sind?“

Ja, wo kommen wir da hin? Vielleicht sollten sich die Theatermacher fragen, für wen Theater gemacht wird: Für die Regie-Egos – oder für die Zuschauer?