Kultur
01.03.2015

"Schmäh? Witz über die Schreamsen"

Lukas Resetarits über den leiwanden und den bochenen Schmäh, Europa und absurde Politik.

Auf sein Solo "Unruhestand" folgt jetzt "Schmäh" (Premiere: 4. 3. im Stadtsaal), das 25. Kabarett-Programm von Lukas Resetarits. Schmäh ohne.

KURIER: Was fällt Ihnen, der Sie als Unterhalter schon seit Jahren den Schmäh draufhaben, noch ein zum Phänomen Schmäh?

Lukas Resetarits: Für mich ist das im Wiener Sprachraum eine Sprachphilosophie, die aus dieser Mischung des Ungarischen, Slawischen, Italienischen, Französischen und Jüdischen besteht. Schmäh hat viel damit zu tun, etwas über die Schreamsen – also über das Gegenteil – zu erklären, was dem Satiriker sehr entgegenkommt.

Nun gibt’s ja den g’sunden und auch den bochenen Schmäh?

Richtig. Wo werden wir am Schmäh gehalten – im Konsum, im Handel, in der Werbung? Was berichten Medien in wessen Interesse? Oder wenn man uns einreden will: "Geiz ist geil." Und: "Ich hab’ nix zu verschenken." Dann sind das ungute Schmähs, weil im Hintergrund immer die Entsolidarisierung mitschwingt. Das alles bringe ich nicht in Form einer Vorlesung, sondern als angewandten Schmäh.

Sie sind ja nicht Roland Düringer.Ein guter Einwurf. Um es schön positiv zu verpacken: Die missionarische Arbeit übernimmt Kollege Düringer. Ich bleib beim Schmäh. Der ist für mich etwas sehr Annäherndes, sehr Kommunikatives. Auch im Sinn von Fordern.

Was ist typisch für den Wiener Schmäh?

Etwas auf die Spitze zu treiben, etwas beim Wort zu nehmen oder etwas so zu beschreiben, dass es absurd ist, aber trotzdem stimmt.

Was ist zum Beispiel absurd?

Dass in Paris ein schreckliches Attentat passiert, und das Erste, was unserer Innenministerin einfällt, ist die Forderung einer dreistelligen Millionen-Euro-Summe für die militärische Aufrüstung der Polizei. Da fällt mir als Österreicher, der geschichtlich kein Analphabet ist, die Zwischenkriegszeit ein. Zuerst hat Mikl-Leitner alles zugesperrt und reihenweise Leute abgebaut, und jetzt spielt Geld offenbar keine Rolle. Aber sie setzen 1700 Polizisten gegen 15 Hausbesetzer ein. Eines möchte ich schon: Dass die Polizei bessere Navis bekommt. Denn bei der Aktion mit der Hausbesetzung sind zwei Busse mit Polizisten aus Oberösterreich in Wien im Kreis gefahren ...

... weil sie den Weg in die Leopoldstadt nicht gefunden haben.

Genau. Und kein Wort von Vorher-Bemühen, Integration. Halten wir uns doch bitte vor Augen, dass man das Integrationshaus – eine weitgehend nichtstaatliche Initiative – schon in der Schwarz-Blau-Zeit aushungern wollte und das Geld immer viel zu spät überwiesen wurde. Unter Schwarz-Blau war es Innenminister Ernst Strasser, der ja jetzt nicht mehr sitzt, sondern geht – als Freigänger. Und andere sitzen nicht, weil sie noch auf freiem Fuß sind. Also wo ist heute die staatliche innenministerielle Initiative in Richtung Integration? Wo wir doch wissen, dass Prävention bei der Bildung und bei wirklicher Integration beginnt.

Was ärgert sie sonst?

Das blödeste Schimpfwort des Jahrzehnts: Putinversteher. Das geht mir auf die Nerven. Was ist ein Putin-Nichtversteher? Ein Trottel? Wer US-amerikanische Ansichten nicht zu 100 Prozent teilt, wird automatisch als Putinversteher oder Strache-Freund diffamiert. Das sehe ich nicht ein. Da gibt es offenbar Vorurteile.

Wie beim Thema Griechenland.

Ich sehe uns als Europäer, aber noch zu wenig. Europa, wenn es denn einen Euro gibt, soll nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Union sein. Ohne so eigenartige Gefechte, Diskriminierungen, Streitereien wie mit Griechenland, was natürlich auch ein Thema in meinem Programm sein muss, obwohl ich nicht tagespolitisch sein will. Aber da werden U-Boote an die Griechen verkauft, und wer bekommt als Einziger das Geld? Die Deutsche Bank.

Was auch wieder wir – also die europäische Gemeinschaft – zahlen.

So ist es. Wirklich erschüttert mich, dass Frauen in Griechenland ihre Kinder ins SOS-Kinderdorf bringen müssen, damit sie nicht verhungern. Da muss man schon ein bisschen andere Sichtweisen haben als die Deutschen. Also ich gestehe, dass ich sehr vorsichtig sein muss in meinem Programm, damit mir keine Ausrutscher gegenüber Deutschland passieren. Denn Schäuble und manche Merkel-Äußerungen in Richtung Griechenland machen mich schon nervös.

Waren Sie Charlie?

Ich kenne seit Jahrzehnten die Alten, die bei Charlie Hebdo dabei waren, weil ich schon in den 60er-Jahren ein Fan der Satire-Zeitschrift Pardon war. Nur: Ich fand viele der Zeichnungen zuletzt nicht sehr gut. Ich bin solidarisch mit den Charlie-Hebdo-Leuten, aber finde manches unnötig provokant.

Bei uns wurden auch einmal Menschen wegen Blasphemie verbrannt.

Bei uns wurde ein Stück von Herbert Achternbusch im Ensemble-Theater am Petersplatz verboten, und die Leute wurden bedroht. So lange ist das nicht her. Denn ganz streng gesprochen sind wir ja auch ein Gottesstaat mit unserem Konkordat. Also Laizisten, die das Prinzip einer strengen Trennung von Kirche und Staat vertreten, sind wir keine.

Bis zur Aufklärung beim Islam wird es wohl noch ein paar Hundert Jahre dauern und viele Menschenleben kosten.

Wenn ein Islam-Prediger sagt, Frauen dürfen nicht Auto fahren, weil sie im Fall einer Panne vergewaltigt werden könnten, dann denke ich mir schon: Wo sind wir? Für jemanden wie mich, der die Aufklärung für ganz wichtig hält, ist das furchtbar. Da ist auch zu fordern, dass es in Richtung Aufklärung und Vernunft geht. Und Laizismus.

Doyen: In Opposition

Biografie Lukas Resetarits, Jahrgang 1947, legte mit seinem ersten Solo „Rechts Mitte Links“ 1977 den Grundstein für die heutige Kabarettszene. Ab 1980 als Hauptdarsteller der TV Serie „Kottan ermittelt“ auch einem breiteren Publikum bekannt, entwickelte sich Resetarits zu einem der beliebtesten Kabarettisten Österreichs, der sich Gedanken macht über Gott und die Welt, Arme und Reiche und die aktuelle Politik.

Programm In seinem 25. Programm „Schmäh“ befasst sich Resetarits mit den vielfältigen Bedeutungen und Ausformungen des Phänomens. Schmäh als Betrug: Wer packt uns mit dem Schmäh? Werbung, Marketing und Politik? Die Medien von Print bis Online? Ab 4. 3. im Stadtsaal www.stadtsaal.com