Kultur
15.10.2012

Losek: Ein Euro für den "Elfenbeinturm"

Wien Modern-Chef Matthias Losek über die Uraufführungs-Junkies, Budget-Wünsche und Lücken im Programm.

Mit Schwerpunkten zu Friedrich Cerha und zu Großbritannien geht Wien-Modern-Chef Matthias Lošek im Oktober in seine zweite Spielzeit. Und weist damit programmatisch in die Zukunft des Neue-Musik-Festivals.

KURIER: Was war denn der größte Lernprozess Ihrer ersten Saison?

Matthias Lošek: Die ganze erste Saison ist ein einziger Lernprozess gewesen. Heuer hatte ich mehr Zeit, daher ist es mehr meine Handschrift.

Heißt das: Man kann am heurigen Programm ablesen, wie es in den kommenden Jahren mit Wien Modern weitergeht?

Ja, 2011 steht exemplarisch für das, was bis 2013 kommen wird. Es wird jährlich Schwerpunkt-Komponisten geben.

Wer sind die?
Es gibt sie. Sie leben noch. Das ist wichtig, das sehe ich beim heurigen Friedrich-Cerha-Schwerpunkt. Ich will ein Œuvre zur Diskussion stellen. Exemplarisch ist auch der Länderschwerpunkt. Heuer ist es Großbritannien, da ist trotz der Nähe einiges zu entdecken.

Werden Sie also Kompositionsaufträge vergeben ?
Ja, Wolfgang Mitterer hat heuer schon einen erhalten. Obwohl ich kein Uraufführungs-Junkie bin. Es ist auch spannend, Werke erneut aufführen zu lassen, die Wien Modern früher in Auftrag gegeben hat. Wir wollen neugieriges Publikum mit den Werken in Verbindung bringen.

Im Publikum sind Jahr für Jahr die selben Gesichter...
Das kann man auch positiv auffassen: Wien Modern hat einen soliden Grundstock an Interessierten, die Wien Modern-Familie. Aber wir versuchen, Leute, die noch nicht wissen, dass sie interessiert sind, hereinzuholen. Heuer sind wir mit einer Comedy-Trash-Oper von Mitterer erstmals im Rabenhof, wo wir natürlich auch glauben, dass die verschiedenen Publikumsfamilien zueinanderfinden. Der Rabenhof denkt umgekehrt.

Es bleibt aber anhaltend schwer, zeitgenössische Musik zu vermitteln.
Wir haben im Team eine Ansage: Begriffe wie "schwer", "Elfenbeinturm", "Grenzen überschreiten" kosten einen Euro. Jedes Mal, wenn wir das betonen, bauen wir Barrieren auf. Es gibt diese Barriere nicht.

Wie geht`s dem Budget?
Wir haben eine fünfprozentige Erhöhung durch die Stadt Wien, das sind 30.000 Euro mehr. Ich hoffe, dass die kommende Saison - die 25. - noch einmal drüber nachdenken lässt, ob dieses Festival nicht mehr Geld haben dürfte. Wir wüssten, was wir damit machen.

Ein Jubiläumsprogramm?
Nein, das wird es nicht geben. Aber natürlich ist es interessant zu sehen, was in den 25 Jahren passiert ist. Und auch: Was haben wir nicht gemacht? Wien Modern-Mastermind war und ist Lothar Knessl. Er wird heuer die Eröffnungsrede halten und nächstes Jahr "Lothar Knessl da capo", ein sehr spezielles Konzertprogramm, entwickeln.

Wird die Planung nicht durch die Einjahresverträge behindert?
Das darf es nicht. Sonst dürfte ich nicht jetzt bereits über 2012, `13, `14 nachdenken. Ich gehe davon aus, dass Bund und Stadt weiterfinanzieren wollen. Wenn nicht, gibt es kein Festival. Aber ich hätte nichts gegen einen Dreijahresvertrag.

Das wird ein hartes Match. Denn anders als im Fußball hat Österreich in der Musik eine echte Chance, gegen England zu bestehen.

Dem Musikschaffen dieser beiden Länder gilt das besondere Augenmerk von Wien Modern 2011, das in der Zeit von 28. Oktober bis 25. November wieder zahlreiche Orte bespielt. Im Zentrum dabei: Friedrich Cerha, der große heimische Komponist und Jubilar, zu dessen 85. Geburtstag u. a. sein zentrales Werk "Spiegel" in der Gesamtversion zur Aufführung gebracht wird. Und zwar gleich zur Eröffnung. Cornelius Meister dirigiert das ORF -Radio-Symphonieorchester Wien.

Unter dem Titel "UK Collection" stehen die britischen Künstler im Fokus. Besonders Sir Harrison Birtwistle wird dabei mit Cerhas Schaffen konfrontiert; neue Höreinsichten sind garantiert. Die junge Seite repräsentieren Werke der viel gelobten Komponistin Emily Howard; aber auch ihr Kollege George Benjamin darf bei dieser Leistungsschau nicht fehlen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist Wolfgang Mitterer gewidmet, dessen neuestes Bühnenwerk im Rabenhof uraufgeführt wird. "Münchhausen" heißt diese deklarierte Comic-Opera.

Der Erste Bank Kompositionsauftrag geht an Gerald Resch; Wien Modern tritt auch als Produzent in Erscheinung. Im Dschungel Wien wird die Kinderoper "Momo oder die Legende vom Jetzt" von Hannes Dufek uraufgeführt.