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Kultur
09/12/2012

Literarische Spekulationen um Fritzl

Régis Jauffret nährt mit seinem Roman "Claustria" weitere Gerüchte um Josef Fritzl. Alles sei Fiktion, sagt der Autor, doch an manchen Stellen schimmert Realität durch.

von Georg Hönigsberger

Mondsee 1986; die 17-jährige Martina Posch aus Vöcklabruck wird tot aus dem Wasser gezogen. Sie war vergewaltigt und dann erdrosselt worden. Jauffret zitiert einen Bericht im KURIER vom 7. August 1986 (tatsächlich wurde im November desselben Jahres über den Mord berichtet).

Damals hat Anneliese Fritzl ganz in der Nähe einen kleinen Gasthof betrieben.
Die Polizei sei nach Fritzls Festnahme verblüfft gewesen, wie ähnlich das Mordopfer und Fritzls Tochter Elisabeth aussahen, sagt Fritzls Anwalt im Roman. Sowohl Mord als auch die räumliche Nähe Fritzls sind Tatsachen. Die Tat selbst ist heute, nach 26 Jahren, ungeklärt. Jauffret wirft die Frage auf, ohne sie direkt zu stellen: Hatte etwa Fritzl etwas mit dem Ver­brechen zu tun?

Kellerverlies

Der Roman "Claustria" jongliert gekonnt mit Tatsachen und Fiktion (siehe Kritik unten) . Der Fall Fritzl wird auf 528 Seiten ausgebreitet – mit allen schrecklichen Details. 24 Jahre lang hat Josef Fritzl seine Tochter Elisabeth in einem Kellerverlies in Amstetten gefangen gehalten, sie jahrelang vergewaltigt und mit ihr Kinder gezeugt. Eines davon starb nach der Geburt. 2008 kam der Schrecken buchstäblich ans Tageslicht.

Die ganze Welt blickte auf Österreich, das bezichtigt wurde, in seinem Untergeschoß noch immer Nazi-Höhlen zu beherbergen.
Josef Fritzl sitzt heute in Stein lebenslang ab, seine Familie lebt angeblich unter neuem Namen in Oberösterreich.

Ein graues Kaff in Niederösterreich nennt der Autor Amstetten. In seinem Buch spekuliert er über Mitwisser und Vertuschen. Was wusste Frau Fritzl, die Mutter von Elisabeth? War es möglich, dass sie all die Jahre nicht mitbekommen hat, was sich unter ihren Füßen abspielte? Haben sie und auch die Nachbarn sich nie etwas dabei gedacht, als Josef Fritzl Woche für Woche Lebensmittel in den Keller schleppte?

Jauffret lässt zwei Akustikexperten zu Wort kommen, die Fritzls Haus in Amstetten überprüft haben: Der Keller war nicht abgedichtet. Bei Regen tropfte es in die Zimmer. Luft kam nur durch die Ritzen zwischen den Plastiklatten an der Decke. Geräusche sind wie der Wind, sie stehlen sich durch jede Öffnung. Wir haben Tests gemacht – man hört alle Geräusche aus dem Keller.

Dass Geräusche aus dem Verlies nach außen gedrungen sind, bestätigte ein ehemaliger Untermieter Fritzls. "Das komische Klopfen der Heizungsrohre hat Fritzl mit dem Einbau des neuen Heizungsofens erklärt", sagte Alfred D. 2009 im KURIER-Interview. Auch Ventilatorengeräusche seien zu vernehmen gewesen. "Als wir einmal über das Haus plauderten, meinte Fritzl im Scherz, dass dieses Haus einmal in die Geschichte eingehen wird."

Zumindest auf den Roman des Franzosen Jauffret trifft dies tatsächlich zu.

Georg Hönigsberger

Amstetten: Trauma und Gleichgültigkeit

Wir haben nicht eine Vorbestellung. Ich glaube nicht, dass das Buch hier besonders gefragt sein wird." Doris Schweiger, Chefin im Thalia-Buchladen am Amstettener Hauptplatz hat nicht vor, für den neuen Roman "Claustria" besonders die Werbetrommel zu rühren.

Auch in der Geschäftsauslage will Schweiger das neue Buch nicht bewerben. Die Leute in Amstetten hätten wenig bis gar kein Interesse mehr am Fritzl-Fall, ist die Buchhändlerin überzeugt. Lediglich 20 Bücher hat sie deshalb beim Verlag bestellt.

Dass die Stadt zu dem vor viereinhalb Jahren aufgeflogenen Kriminalfall Fritzl noch immer zwischen Trauma und Gleichgültigkeit pendelt, zeigt sich auch am Schauplatz in der Ybbsstraße. "Weder dieses Buch noch Fritzl sind hier ein Thema. Das ist auch gut so. Wir haben damals genug mitgemacht", erzählt Günther Pramreiter. Er grenzt mit seiner Back- und Kaffeestube direkt an das Fritzl-Haus mit dem grauenhaften Kellerverlies an und wurde 2008 von Medienleuten und Neugierigen aus aller Welt gestürmt. Pramreiter und die Anrainer stört mittlerweile auch nicht mehr, dass das sogenannte Horrorhaus noch immer verlassen und versperrt da ist. "Man soll es einfach so lassen. Niemanden regt das mehr auf", sagt er.

Wolfgang Atzenhofer

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