© Florian Wieser

Kritik
02/09/2020

Lindemann beim Wien-Konzert: Porno-Videos statt Feuerspucker

Rammstein-Sänger Till Lindemann trat mit seiner Zweitband im ausverkauften Wiener Gasometer auf.

Zehn Torten flogen bei „Allesfresser“ in die Menge. Bei „Fish On“ schoß Frontmann Till Lindemann Fische über die Köpfe der Zuschauer im ausverkauften Wiener Gasometer. Später ließen er und sein Duo-Partner Peter Tägtgren sich in einer Plexiglaskugel durchs das Publikum schieben, während sie „Platz Eins“, den zynischen Song über die Sternchen der Castingshows, spielten.

Das waren die netten Showgags des Abends – irgendwie so plump und banal, dass es schon wieder kultig war. Feuerspucker oder Flammenwerfer wie bei Lindemanns Hauptband Rammstein gab es nicht. Das optische Konzept des Duos basiert auf Porno-Videos.

Man sah nackte Frauen, wie sie durch den Schnee geschliffen werden, auf mechanischen Rodeo-Bullen reiten, oder auf den Po geschlagen werden, wenn sie beim Deutschlernen Fehler machen. Aber zumeist sah man gar keine Frau, sondern nur ihre Körperteile unterhalb des Nabels – von vorne und hinten, aber bevorzugt Vaginas in hochauflösender Großaufnahme.

Überraschend war das nicht. Das Duo Lindemann begann, als Rammstein-Sänger Till Lindemann mit seinem Freund, dem schwedischen Multiinstrumentalisten Peter Tägtgren 2015 das Album „Skills In Pills“ rausbrachte. Dessen Texte waren gespickt mit sexuellen Fetisch-Fantasien, teilweise so explizit beschrieben, dass es weit über die Grenzen des guten Geschmacks ging.

Ende vorigen Jahres ist das zweite Album des Duos erschienen: „F & M“ heißt es, was für Frau und Mann steht. Dafür schrieb Lindemann seine Texte auf Deutsch. Und obwohl die Ausgangsbasis dafür die von Lindemann und Tägtgren gestaltete Musik für die Inszenierung des Märchens „Hänsel & Gretel“ am Hamburger Thalia Theater war, gibt es Songs, die ebenfalls abgründige sexuelle Gelüste beschreiben – oder zumindest von Lindemann so raffiniert gestaltet wurden, dass man sie so deuten kann.

Dass all das mit solchen Videos umgesetzt wurde, hätte vielleicht schockierend und provozierend sein sollen. Da war es aber nicht. Es war platt und billig und beim dritten und vierten Mal auch schon wieder langweilig, ja sogar nervig. Denn es zog permanent alle Aufmerksamkeit auf sich – und somit von der durchaus ansprechenden musikalischen Darbietung ab.

Verstärkt wurden Lindemann und Tägtgren, der sich im Gasometer vorwiegend an der Gitarre zeigte, von einem Drummer, einem Bassisten und einem weiteren Gitarristen. Und obwohl das die erste Tour von Lindemann ist, die Fünf nur vor Weihnachten ein paar Shows in Russland gespielt hatten und Wien erst das dritte Konzert der Europa-Tour war, waren sie perfekt eingespielt. Dazu kommt, dass die Songs – auch wenn sie doch stark an Rammstein erinnern – eine Spur melodiöser, hymnischer und variantenreicher in den musikalischen Einflüssen sind.

All das machte Spaß, wäre auch ohne die vulgären, infantilen Videos unterhaltsam gewesen. Die monoton weiße Bühne, die weißen Anzüge der Musiker, ihre weiße Gesichtsschminke, das perfekt synchrone, durchchoreografierte Headbanging mit nach vorne überhängenden Oberkörpern, wäre – gepaart mit wenigeren, aber niveauvolleren Videos – eindrücklich genug gewesen.

Der 90-prozentige Porno-Anteil der Lindemann-Show war aber nicht nur überflüssig, sondern sogar abträglich. Denn er begrub all die Ironie und subtile Sozialkritik, die Lindemann in manche der Texte eingebaut hat, unter plakativer Obszönität.

 

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