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Kultur
11/18/2019

Erwin Wurm: "Lieber Kunst kaufen als Waffen oder große SUVs"

Bei einem Besuch in Linz spricht der Kunst-Superstar Erwin Wurm über den Wert von Werken, Klimaschutz und aktuelle Arbeiten.

von Claudia Stelzel-Pröll

Ein Essiggurkerl als Selbstporträt. Ein verbogenes Boot auf einem Hotel und ein verkehrtes Haus auf dem Dach eines Museums. Fette Häuser und Autos. Zwei überdimensionale Würsteln, eng umschlungen. Der Mensch selbst als einminütige Skulptur – alleine 2019 hatte Erwin Wurm 14 Ausstellungen in neun Ländern. Weltweit ist der gebürtige Steirer ein gefeierter Künstler. Mit Humor und einem Blick für das Paradoxe richtet er sein Augenmerk auf soziale und Alltagsthemen. Wurm lehrte an der Kunstuni in Wien, ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Österreichischen Staatspreis.

Diese Woche stattete Erwin Wurm im Rahmen der Dialog-Gesprächsreihe von Academia Superior, der Gesellschaft für Zukunftsforschung, dem Linzer Schlossmuseum einen Besuch ab und diskutierte mit dem Genetiker Markus Hengstschläger über seine Arbeiten und die Kunstwelt im Allgemeinen. Auch der KURIER traf den 65-Jährigen zum Gespräch.

Woran arbeiten Sie derzeit?

 

An Neuem. Ich mache gerade eine große Ausstellung für New York, die am 16. Jänner eröffnet wird. Die Kunstwerke entstehen alle bei uns im Atelier in Niederösterreich. Wir arbeiten mit etlichen Firmen zusammen, weil ja Vieles gegossen werden muss. Und in der ersten Dezemberwoche geht es los, da werden die ersten Skulpturen Richtung Amerika verschifft. Parallel dazu arbeite ich an einer Fotoretrospektive, die im März in Paris eröffnet wird.

Können Sie verraten, was Sie in New York zeigen werden?

Es wird wieder meine One-Minute-Sculptures (dabei werden Menschen für eine Minute selbst zur Skulptur, Anm, der Red.) geben, neu und anders.

Sie sind seit vielen Jahren Kunstschaffender, was inspiriert Sie für Ihre Arbeit?

Meine Familie und die Welt der Kunst mit Literatur und Philosophie sind mein Ein und Alles. Das kann ein Text sein, ein Gedicht. Ich habe zum Beispiel jetzt gerade Peter Handke gelesen wegen dieser bescheuerten Diskussion um den Literaturnobelpreis. Und das hat mich auch inspiriert.

Darf, soll, muss man als Künstler ein politischer Mensch sein?

Das kann jeder handhaben, wie er will. Ich habe das jahrelang gemacht. Es hat nichts, wirklich nichts verändert. Es hat mir nicht gutgetan und deswegen habe ich jetzt beschlossen, mich nicht mehr zu politischen Themen zu äußern. Künstlerische Äußerung an sich ist sowieso immer politisch, weil es ja eine Äußerung in unserer Zeit ist. Ich habe die Lust verloren, mich darüber hinaus zu erklären.

Warum?

Österreichische Politik ist ja so katastrophal. Jedes Würschtel wird so aufgeblasen und bekommt ein großes Sprachrohr. Daran ist auch die Presse nicht unschuldig.

Haben Parteien versucht, Sie zu vereinnahmen?

Ja, diese Versuche hat es immer wieder gegeben, sowohl von Mitte rechts als auch von Mitte links. Ich habe zu allen Nein gesagt.

Aber Sie haben Kunstwerke für Politiker gemacht.

Ich habe drei – ich nenne sie – Fürstenbilder gemacht. Einen riesigen, roten Strickpulli für Josef Ostermayer, eine auf- und untergehende Sonne für Erwin Pröll. Und den Panther des steirischen Wappens, der in meinem Bild nicht nur Feuer speit, sondern auch furzt, für das steirische Landhaus Alles ist natürlich zynisch gemeint.

Wenn Sie an den alten, neuen Bundeskanzler Sebastian Kurz denken: Welches Kunstwerk würden Sie ihm schenken?

Dazu möchte ich jetzt wirklich gar nichts sagen.

Und wie sieht es aus mit den großen gesellschaftsrelevanten Themen? Wo stehen Sie zum Beispiel in der Klimaschutz-Debatte?

Ich habe das Klimavolksbegehren unterstützt und überlege mir auch, zur Extinction Rebellion (Klimaschutzbewegung, die mit gewaltfreien Mitteln des zivilen Ungehorsams Maßnahmen von Regierungen erzwingen will, Anm. der Red.) zu gehen. Weil dieses Thema wahnsinnig wichtig ist – wegen der Zukunft unseres Planeten und wegen meiner Kinder.

Was kann Kunst für die Menschen leisten?

Ich kann nur sagen, was sie für mich geleistet hat. Mein Vater war Kriminalbeamter. Er ist früh in die Hitler-Jugend eingetreten, das war seine Sozialisation. Er war aber ein liebender Vater. Und meine Mutter war eine Hausfrau. Bei uns daheim hat es keine Kunst, keine Literatur gegeben. Als ich dann meine Türe geöffnet habe in die Kunstwelt hinein, war das meine Fluchtstätte, mein Zufluchtsort. Es war eine vollkommen andere Welt, die mich fasziniert hat. Da habe ich dann gesehen, wie vielschichtig man die Welt wahrnehmen kann. Mit 14 Jahren wusste ich: Ich will Künstler werden und nichts anderes. Ich will von dem leben, was ich schaffe. Mein Vater war wenig begeistert und hat mir erklärt: „Als Künstler stehst du mit einem Bein immer im Kriminal“. Er wollte, dass ich Polizeijurist werde.

Gibt es aktuell so etwas wie eine Kunstblase? Es werden Summen für Kunstwerke bezahlt, die für jeden Durchschnittsösterreicher nur sehr schwer nachvollziehbar sind.

Auch für Wohnungen oder Diamanten werden Unsummen bezahlt. Das ist halt so. Ja, es ist eine Blase, es ist absurd und skurril, dass so viel Geld für so was ausgegeben wird – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: Wenn Leute sehr viel Geld haben, ist es doch besser, sie kaufen Kunst als Waffen, Schiffe oder immer noch größere SUVs. Das hat man ja Heidi Horten vorgeworfen hier in Österreich: Wie unmöglich das ist, dass sie so teure Kunst kauft. So what? Gott sei Dank, sie hätte auch andere Scheiße kaufen können mit ihrem Geld.

Wie erklären Sie jemandem, der noch nie von Ihnen gehört hat, wer Sie sind und was Sie tun?

Ich bin Bildhauer und beschäftige mit dreidimensionalen Problemen und Phänomenen.