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Kultur
02/19/2020

Liam Gallagher: Unterhaltsames Schwelgen in der Vergangenheit

Der ehemalige Oasis-Sänger geizte beim Konzert im Wiener Gasometer nicht mit Songs seiner legendären Band

von Brigitte Schokarth

„Wirf deinen Scheiß nicht in diese Richtung, das ist nicht gut für deine Gesundheit, du verdammter Scheißkerl!“ Noch hat Liam Gallagher bei seinem Wien-Konzert keinen einzigen Ton gesungen. Richtig in Fahrt ist er trotzdem, beschimpft einen Fan, der beim ersten Erscheinen des ehemaligen Oasis-Sängers einen Bierbecher auf die Bühne geworfen und den 47-Jährigen getroffen hatte. Eine kleine Schreck-Sekunde ist das für die 3200 Besucher im ausverkauften Gasometer. Bricht der Parade-Rüpel der Brit-Pop-Szene ab, bevor die Show begonnen hat?

Nein, tu er nicht. „So ist Rock n‘ Roll“ sagt er, und es ist nicht klar, ob er damit seinen Wutausbruch oder den Becher-Treffer entschuldigen will. Aber egal, zumindest geht es jetzt los. Gallagher ist mit seinem zweiten Soloalbum „Why Me? Why Not.“ auf Tour, hat seine Show aber zu fast zwei Drittel mit Oasis-Songs bestückt. Er beginnt sie sogar mit einem und stellt mit „Rock ´n‘ Roll Star“ ein Lied seines Bruders, des Oasis-Gitarristen Noel Gallagher an den Anfang. 

Viele der weitreichend publizierten Streitereien der Brüder in der glorreichen Phase der Band fanden ihren Nährboden darin, dass Noel alle Oasis-Hits geschrieben hatte, während er, Liam, als Songwriter nur als mäßig talentiert galt.

Jetzt im Gasometer hat man den direkten Vergleich. Denn gleich nach „Rock ´n‘ Roll Star“ schließt Liam ein Paket von fünf seiner eigenen Songs an. Und ja, da sind ein paar mäßig gute wie „Shockwave“ dabei. Aber „Be Still“ oder „Once“ hätten durchaus Hits werden können, hätten sie vorigen Herbst dieselbe Radio-Präsenz gehabt, wie die Oasis-Klassiker anno dazumal. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass Liam Gallagher diese Songs nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit Meistern wie Greg Kurstin („Hello“ von Adele) und Andrew Wyatt („Shallow“ von Lady Gaga und Bradley Cooper) geschrieben hat.

Was im Gasometer auch gleich auffällt: Stimmlich ist Gallagher, der vor wenigen Tagen eine Show in Hamburg abbrechen musste, weil eine Erkältung ihm die Stimme raubte, noch nicht wieder komplett genesen. Aber er weiß genau, wie man eine Show aufbaut, wechselt häufig Stimmung und Tempo und lässt auf eine breite, laute Gitarren-Sound-Wand akustische Töne folgen. 

Trotzdem werden die Oasis-Songs begeisterter umjubelt. „Morning Glory“ kommt in der Mitte des ersten Sets, kurz nachdem Gallagher dem Becherwerfer seine Flüche nochmal bis an die Bar an der Seite nachgeschickt hat. Bei „Gas Panic!“ stolziert er in seinem schneeweißen Parka nach hinten zum Perkussionisten und spielt die Bongos, während einer der Gitarristen der neunköpfigen Begleitband soliert. 

Und dann, nach nicht einmal einer Stunde, kündigt er mit „Live Forever“ auch schon wieder den letzten Song an. Natürlich gibt es trotzdem noch Zugaben, und bei „Acquiesce“ erinnert Liam Gallagher sogar an den Bruder, der „nicht hier sein kann“, bittet das Publikum, den Refrain, den bei Oasis immer Noel gesungen hatte, zu übernehmen. Damit das nicht schief geht, ist auf der Videoleinwand in bester Karaoke-Manier der betreffende Text zu sehen. Vier weitere Oasis-Hits legt Liam Gallagher dann noch drauf und bringt die Stimmung zum Kochen – obwohl Klassiker wie „Don’t Look Back In Anger“ gar nicht darunter sind.

Auch wenn Liam Gallagher so nicht an die euphorische Stimmung der glorreichen Oasis-Konzerte rankommt, ist es doch die beste Annäherung, die eine neue Generation von Musik-Liebhabern erleben kann. Und für die Fans von anno dazumal, die diese prägende Band live erlebt haben, war die Show ein höchst unterhaltsames, wenn auch etwas wehmütiges Schwelgen in der Vergangenheit.