Éric Besnard: "Ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen"
Es ist eines der Hauptwerke der französischen Literaturgeschichte: Mit seinem Monumentalwerk „Les Misérables“ („Die Elenden“) setzte Victor Hugo im Jahr 1862 einen Meilenstein der Erzählkunst. Seine schonungslose und berührende Geschichte von Jean Valjean, der 19 Jahre lang wegen eines gestohlenen Laibs Brot unter widrigsten Umständen im Gefängnis ausharren muss und nach seiner Entlassung von der Gesellschaft geächtet wird, schien allerdings längst auserzählt.
Zig Versionen von Filmen und Musicalversionen existieren von „Les Misérables“ – an die erste Verfilmung wagten sich bereits die Brüder Lumière im Jahr 1897. Es schien also eine immense Herausforderung zu sein, diesem Jahrhundertroman einen neuen Spin zu geben und ihm neue, interessante Aspekte abzuringen. „Aber genau diese Herausforderung hat mich beflügelt“, sagt Éric Besnard, der sich in seinen Filmen – abgesehen von seinem größten Publikumserfolg, der romantischen Komödie „Birnenkuchen mit Lavendel“ – immer wieder mit der französischen Geschichte auseinandersetzt. Zuletzt in „Louise und die Schule der Freiheit“, in dem eine Lehrerin Ende des 19. Jahrhunderts in der französischen Provinz gegen die Bildungsunwilligkeit der Bauernfamilien ankämpft – diese schickten ihre Kinder aus ökonomischen Gründen lieber aufs Feld als in die Schule.
Nun also „Jean Valjean“. Besnard konzentriert sich auf die ersten 150 Seiten von Victor Hugos Roman, als Valjean 1815 aus dem Zuchthaus entlassen wird und nach langem Irrweg Zuflucht bei einem Geistlichen und dessen Schwester findet. Die Aufnahme in das herrschaftliche Haus des Bischofs (Bernard Campan) markiert eine Zäsur bei dem Malträtierten – eine Reflexion über seine Verrohung in der Haft und die Einsicht, einen neuen Weg einschlagen zu müssen, einen, der vom Vertrauen in andere Menschen geprägt sein wird. „Für mich ist diese Ruptur, diese Transformation eines verbitterten Mannes, ganz bedeutend. Eigentlich der Kernpunkt des Romans. Jean Valjean ist nicht nur roh und impulsiv, sondern zuerst auch widerständig gegen die Freundlichkeit, die ihm vonseiten des Priesters entgegengebracht wird. Er kann nicht daran glauben, dass es jemand gut mit ihm meint.“
Er habe den humanistischen Ansatz Victor Hugos verinnerlicht. Besnard: „Ich habe mich Victor Hugo über dessen Sprache angenähert. Bin seinem Diskurs über Humanismus gefolgt und hole damit den Menschen aus Jean Valjean hervor.“ Besnard lacht bitter: „Sie können sich vorstellen, dass ich für diese Art, Victor Hugo zu verfilmen, nicht viel Geld bekommen habe.“
Jean Valjean wird von Grégory Gadebois, einem der großen Charakterdarsteller des französischen Films und getreuem Besnardisten, dargestellt. „Grégory und ich verstehen uns blind, was für mich ganz wichtig ist. Gegenseitiges Verstehen, ohne viel reden zu müssen. Ich habe nämlich eine komplexe Vorstellung davon, wie Schauspieler in meinen Filmen sein müssen. Es war also eine enorme Erleichterung, dass ich, als ich ,Jean Valjean“ schrieb, schon wusste, wer ihn spielt. Ich bin über das Alter hinaus, in dem ich mir Diskussionen und Streit mit Schauspielern antue. Und weil Sie sagen, ich komme immer wieder auf Grégory zurück: Scorsese und De Niro haben, so weit ich mich erinnere, in 14 Filmen zusammengearbeitet.„
Wie ein Kammerspiel
Anders als in Victor Hugos Roman spielen in Besnards “Jean Valjean„ auch Frauen eine gewichtige Rolle. Alexandra Lamy verkörpert als bigotte Haushälterin des Bischofs Myriel perfekt die ländliche Voreingenommenheit gegenüber Fremden ohne Geld, wie Valjean einer ist. Isabelle Carré ist die sanftmütige, schwer kranke Schwester des Bischofs, die Valjean schließlich dazu inspiriert, ein besserer Mensch zu werden. “Im Roman existieren die Frauen nur als Silhouetten. Ich wollte sie vor den Vorhang holen. Letztendlich habe ich den Film wie ein Kammerspiel inszeniert: Zwei Männer, zwei Frauen, zwei Aristokraten, zwei Personen aus dem Volk. Zwei Menschen, die gedemütigt und traumatisiert sind, zwei, die es nicht sind. Es war, als würde ich ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen.„
Gibt es eine Verbindung zwischen der Vergangenheit, in der Victor Hugo so entschieden für mehr Menschlichkeit kämpfte, und dem Heute? Besnard wird emotional: “Geschichte muss die Leute interessieren. Über ihren Lauf zu reden ist wichtig. Überhaupt miteinander zu reden. Einer kann auf einen anderen einwirken, damit sich etwas ändert. Das kann eine tugendhafte Kette auslösen wie bei Jean Valjean. Für mich gibt es nichts Ermüdenderes als Menschen, die sagen, da kann man nichts machen, das ist eben so. Doch, doch, man kann etwas machen, immer. Sich mit jemandem auseinandersetzen. Das kann das Leben in einem guten Sinne verändern. Victor Hugo war der Erste in Frankreich, der aus dem Volk zum Volk gesprochen hat. Das hatte keiner vor ihm getan.„
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