Kultur
24.08.2018

Bernstein und die Wiener: Eine Beziehung ab dem dritten Takt

Zum 100er: Der Komponist und Dirigent und sein enges Verhältnis zu Wien und zu den Philharmonikern.

197 Konzerte in 14 Ländern in 24 Jahren: Von seinem Debüt 1966 bis zu seinem Tod 1990 entwickelten die Wiener Philharmoniker ein enges und teils spannungsvolles Verhältnis zu ihrem Ehrenmitglied Leonard Bernstein.

Er war ihr erster in den Vereinigten Staaten geborene Dirigent und ist bis heute als Komponist der meistgespielte Amerikaner im Repertoire. Der Anlauf zur ersten Zusammenarbeit war lang: Bereits 1947 versuchte die Gesellschaft der Musikfreunde, Bernstein zu den Philharmonikern einzuladen. Ein Grund für Bernsteins Zögern war seine Skepsis in Bezug auf die NS-Vergangenheit des Orchesters: „Und dann wurde mir berichtet, dass immer noch 60 % Nazis im Orchester sind“, schrieb er damals, wobei nach heutigem Forschungsstand 49 % der Musiker NSDAP-Mitglieder gewesen waren. Erstmals in Wien trat er dann im Folgejahr mit den Symphonikern auf.

Anlaufschwierigkeiten

1959 kam es bei den Salzburger Festspielen, wo Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra gastierte, zu einem ersten persönlichen Kontakt zu den Philharmonikern. Doch in der Folge scheiterten die Gesellschaft der Musikfreunde und Festwochenintendant Egon Hilbert wiederholt, bis es Hilbert als nunmehrigem Staatsoperndirektor gelang, Bernstein für eine Neuproduktion von Verdis „Falstaff“ 1966 nach Wien zu holen.

Ein philharmonisches Abonnementkonzert mit Werken von Mozart und Mahler wurde dazu fix eingeplant. Viele damalige Orchestermitglieder teilten Bernsteins eigene Wahrnehmung der ersten Probe: „Beim dritten Takt waren wir so zusammen, dass wir von der lebenslangen Beziehung zueinander wussten.“

Eine Sonderstellung nahm Gustav Mahler ein. Die Erarbeitung seiner Werke, die von 1938 bis 1945 verboten waren, danach aber wieder auf den Programmen standen, war Bernstein ein besonderes Anliegen mit Blick auf die Orchestergeschichte und aus politischen Gründen. Doch schon die Fortsetzung des Mahler-Zyklus 1967 hing durch Simon Wiesenthals Aufdeckung der SD-Mitgliedschaft (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Anm.) des philharmonischen Geschäftsführers, des Trompeters Helmut Wobisch, am seidenen Faden.Vertreter des öffentlichen Lebens wie Gottfried von Einem und Kardinal König intervenierten bei Bernstein. Letztlich wollte dieser das Publikum nicht durch eine Absage enttäuschen.

Demokratisierung

1975 tat der brillante Kommunikator einen wichtigen Schritt in Sachen Musikvermittlung. In Salzburg öffnete er gegen den Widerstand von Festspielleitung und Philharmonikern erstmals Proben. Diese „Demokratisierung“ des Musikzugangs setzte er auch politisch ein. 1984 gastierte er mit den Philharmonikern auf Initiative der österreichischen Regierung erstmals in der DDR. Allerdings gaben die sozialistischen Stellen die meisten Karten nicht in den freien Verkauf. Bernstein befürchtete, dass sein Ost-Berliner Publikum ein vor allem politisch handverlesenes sein sollte. Hintersinnig fragte er, „ob es denn nicht zum Wesen einer Volksdemokratie gehöre, dass die Konzerte in erster Linie fürs Volk wären“. Daraufhin setzte Bernstein eine öffentliche Generalprobe durch und bestand darauf, dass auch im Konzert freie Plätze der „Offiziellen“ mit wartenden Fans besetzt wurden. Andernfalls drohte er mit Absage. Das Konzert wurde zum Erfolg.

Die Zusammenarbeit endete mit einem Gastspiel 1990 in New York. Durch Bernsteins Tod konnten etliche geplante Meilensteine nicht mehr umgesetzt werden, so eine noch von Herbert von Karajan initiierte gemeinsame Tournee mit den Philharmonikern 1992 nach Japan und das Neujahrskonzert 1992, für das Bernstein revolutionäre Ideen hatte. Die Balletteinlagen wollte er durch einige „hit singers“ aus den Vereinigten Staaten ersetzen, die „die Kontinuität von Wiener Operetten zum Broadway“ beweisen sollten.

Von Silvia Kargl und Friedemann Pestel