Kultur
22.04.2018

Lauter als in der Disco: So gefährdet sind die Ohren der Klassikmusiker

Ein Klassikmusiker bekam 850.000 Euro wegen eines Hörschadens. Wie heimische Musiker sich schützen.

Das Urteil der Richterin Nicola Davies am Londoner Gerichtshof traf die Klassik-Szene wie Paukenschlag. Dessen Schallwellen breiteten sich weit bis über den Ärmelkanal aus: Christopher Goldscheider, 48 Jahre und Bratschist, nunmehr ehemaliger Viola-Spieler der Londoner Covent Garden Opera, hatte seinen Arbeitgeber geklagt. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen, am 31. August und am 1. September 2012, sei er bei einer Probe von Richard Wagners „Walküre“ auf seinem Platz vor den Blechbläsern einem Lärmpegel 135 bis gar 140 Dezibel ausgesetzt gewesen.

Goldscheider behauptete, einen Gehörschutz getragen zu haben, der aber hätte nicht ausgereicht. Er gab an, ein Schalltrauma und einen Tinnitus erlitten zu haben. Fortan laborierte der Musiker an Hyperakusis, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegen Geräusche, und Schwindelanfälle. Nicht genug damit, dass er seinen Beruf nie wieder ausüben konnte, musste er fortan auch im Alltag seine Ohren schützen. Der Mann ging vor Gericht. Das ist fast sechs Jahre her. Nun wurde der Fall für Goldscheider entschieden: Dem Musiker wurde eine Entschädigung von 850.000 Euro zugesprochen.

Gefährlich

„Wenn man direkt unter der Pauke sitzt, kann es bei manchen Werken schon sehr gefährlich werden“, sagt Tibor Kovac, Stimmführer der Wiener Philharmoniker. Dass er heute am ersten Pult seinen Platz hat, führt er auch auf diesen Umstand zurück. Denn nicht nur künstlerische Ambitionen haben den Violinvirtuosen die Führungsposition anstreben lassen, auch gesundheitliche. Er wollte aus der Gefahrenzone. „Wenn es mit der Vorgeiger-Position nicht geklappt hätte, wäre ich Solobratschist geworden“, sagt Kovac.

 

Ähnlich argumentiert Clemens Hellsberg, pensionierter Vorstand der Wiener Philharmoniker und Geiger. Er begann bei den zweiten Violinen, aber die Position vor den Pauken und Trompeten verwehrte ihm den Klang der Holzbläser. „Ich wollte Oper so hören, wie ich es früher am Stehplatz gewohnt war“, sagt Hellsberg. Deshalb bewarb er sich für einen Platz bei den ersten Violinen. Nach einem weiteren Probespiel – bei den Wiener Philharmonikern sind Probespiele nicht nur bei der Bewerbung, sondern auch beim Wechsel einer Position verpflichtend – spielte Hellsberg nach zwei Jahren im Orchester bei den Primgeigern.

Wegweisend

Dass Orchestermusiker wegen Lärmschädigung klagen, ist bis zur Causa Goldscheider noch nicht vorgekommen. Kann das trotz bevorstehendem Brexit zum Präzedenzfall für die Klassikszene weltweit werden? Werden weitere Klagen folgen? Werden die Walküren auf ihren Streitrössern nur noch mit Schalldämpfern nach Walhall galoppierend dürfen?

Im deutschen Feuilleton waren bereits Diskussionen darüber entfacht, ob Traditionshäuser wie Richard Wagners Bau auf dem „grünen Hügel“ in Bayreuth ihre Gräben neu ausheben müssen. Denn bei Wagner-Opern werden oft noch höhere Lärmpegel gemessen, als sie ein Düsenjet verursacht.

Und was soll mit Werken wie etwa Dmitry Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ geschehen? Sollen sie von den Spielplänen verbannt werden wie einst unter Stalin? Denn der und sein Begleiter Molotow haben davon Ohrensausen bekommen. Dass ihre Regierungsloge im Moskauer Bolschoi-Theater direkt über den Blechbläsern und der Pauke liegt, hat keine mildernden Umstände gebracht.

Der KURIER hat sich in Österreichs Orchestergräben umgesehen und umgehört. „Es gibt neuralgische Stellen, da wird etwas unternommen“, beruhigt Herbert Mayr, Kontrabassist der Wiener Philharmoniker und ehemaliger Betriebsrat des Wiener Staatsopernorchesters.

Schutzschilder

So ist es auch. Anfang der Zweitausenderjahre hatte man bei einer Probe von Arjam Chatschaturjans Ballett „Spartacus“ in der Wiener Staatsoper das Gefahrenpotential erkannt. „Messungen der Lärmpegelbelastung haben ergeben, dass es im Orchestergraben lauter war als in einer Disco“, erinnert sich Tibor Kovac. Man handelte umgehend. Schutzschilder aus Plexiglas wurden etwa an den Notenpulten vor der Pauke montiert. Das geschieht auch heute noch bei einschlägigen Werken, wie sich der KURIER jüngst bei der Aufführung von Wagners „Walküre“ überzeugt hat.

Schallschutz-Plexiglaswände stehen auch bei den Salzburger Festspielen bereit. Dort aber sind die gastierenden Orchester selbst für ihre Musiker verantwortlich.

Viele halten die Blechbläser, die Trompeten und Posaunen, oft auch die in schrillen Höhen tönenden Piccolo-Flöten für gefährlich, das vor allem bei Werken wie der dritten Symphonie von Gustav Mahler und der elften von Schostakowitsch, meint Kovac. Aber nicht nur Instrumente im hohen Frequenzbereich sind für das menschliche Ohr gefährlich, sagt Peter Gallaun, Posaunist und Betriebsrat der Wiener Volksoper. Auch die Pauke kann mit einem Schlag mehr als 130 Dezibel erreichen. Dies kann viel im Ohr zerstören ohne dass man es sofort bemerkt, denn tiefe Frequenzen werden als nicht so schmerzhaft empfunden.

Gallaun weiß, wovon er spricht, denn er hat einen Tinnitus bei der Aufführung von Bernsteins „Westside Story“ erlitten. „In allen Orchestern der Welt können manche Kollegen auf betroffenen Positionen bestimmte Passagen nur mit Ohropax spielen “, erklärt Kovac. „Für Extremstücke ist Gehörschutz unumgänglich“ ergänzt Posaunist Peter Gallaun.

Matthias Bertsch meint, man könne als Musiker mit der Anwendung eines Gehörschutzes nicht früh genug beginnen. „Bereits im Unterricht sollten Lehrer ihre Ohren schützen und ihren Studenten vorleben, wie das praktisch und sinnvoll geschehen kann“, sagt Bertsch.

Ein Musiker, der seine Ohren verstopft? Kann das gut gehen? Es kann, wie nicht wenige glaubwürdig bestätigen. Der richtige Schutz wird meist per Wachsabguss an das Ohr eines jeden Musikers individuell angepasst und mit einem Filter, der nicht vor den Tönen abschirmt, aber sie leiser ans Ohr bringt, versehen.

Schutz bei Amtsantritt

In der Wiener Volksoper, bei den Wiener Symphonikern, bei den Tonkünstlern, beim Linzer Brucknerorchester und bei den Grazer Philharmonikern, die auch das Orchester in der Grazer Oper stellen, wird mit dem Dienstvertrag auch ein Gehörschutz ausgehändigt. In Grafenegg legt man gar Ohrstöpsel bereit, wenn ein Musiker seinen Schutz nicht bei sich hat. Gunter Benedikt, Paukist der Tonkünstler, verwendet den Gehörschutz, wenn es laut wird.

Leonhard Königseder, Schlagwerker der Grazer Philharmoniker, erklärt: „Für einen Schlagzeuger ist der Gehörschutz unumgänglich. Man übt sieben Stunden am Tag.“ Im Konzert aber verzichtet Königseder oft darauf. Er beruft sich auf seinen Arzt, der ihm versichert habe, dass das Ohr viel aushalte und zahlreiche Hörschäden auch auf Stress zurückzuführen sind. Auf derlei verlässt sich David Ottensamer, Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker nicht. Bei extrem lauten Tutti-Stellen, etwa bei den Symphonien Gustav Mahlers oder bei manchen Orchester-Werken Richard Strauss’, verwendet er seinen Gehörschutz. „Ich verwende den Schutz nie in der Oper“, denn im Graben treffe ihn der Ton der Hörner. „Aber im Konzert stecke ich den Schutz an, denn schließlich will man sein Gehör auch über die Jahre bewahren.“

Der Klarinettist Reinhard Wieser berichtet aus der Praxis eines Wiener Symphonikers. Er wendet den Gehörschutz an, sagt er. Denn Klarinettisten und Fagottisten sind extrem belastet, weil sie direkt vor den Pauken und Trompeten sitzen. In manchen Konzertsälen sei für Schallschutzmuscheln zu wenig Platz.

Wieser ist seit Ende der Achtzigerjahre Wiener Symphoniker und hat den Gehörschutz schätzen gelernt. Viele Musiker klagen zunächst darüber, dass man die eigenen Geräusche, die man beim Spielen erzeugt, zu stark wahrnimmt. Doch das wird durch die gut entwickelten Elacin-Stöpsel gemildert. Auch das Anstecken und Abnehmen lässt sich rasch lernen, meint Wieser.

Schallschutzwände

Aus dem Graben der Wiener Volksoper hat Peter Gallaun Beruhigendes zu berichten. Da wirklich authentisches Hören auch mit dem besten Gehörschutz nur bedingt möglich ist, hat man den Orchestergraben der Wiener Volksoper mit speziellen Schallschutzwänden ausgestattet. „Als Posaunist bin ich selbst Opfer und Täter. Wenn man selber spielt, ist die Gefahr nicht so schlimm. Denn man erzeugt im Rachenraum einen Druck und der verhindert, dass der Lärmpegel mit voller Stärke ans Ohr dringt“, sagt Gallaun und schlägt etwas mehr Disziplin, etwas mehr Abstand voneinander und die Pflege der Klangkultur vor. „Jeder muss sich bewusst sein, wo er sitzt, und jeder kann den Pegel auch um eine Stufe senken.“

Zu hundert Prozent aber kann man die Problematik nicht lösen.

Ein gewisses Restrisiko bleibt immer“, sagt Gallaun. Der Wiener Philharmoniker Herbert Mayr meint: „Es hat auch mit der Haltung zu tun, mit der man diesen Beruf ausübt. Es sollte jedem klar sein, der in einem Orchester spielt, dass es dieser Beruf nötig macht, einen gewissen Lärmpegel in Kauf zu nehmen.“

Denn was wären die Alternativen: „die Opernhäuser in die Luft sprengen“, wie es der Dirigent und Komponist Pierre Boulez 1967 vorschlug, oder nur noch Werke aufzuführen, wie John Cages „4:33“, wo kein Instrument einen einzigen Ton spielt?