Kultur
15.09.2017

Laufen, um zu überleben

Der Regisseur Peter Keglevic debütiert mit "Ich war Hitlers Trauzeuge" als Schriftsteller.

So ein Zahnarztbesuch mit vielen Zeitschriften im Wartezimmer hat schon was.

Der preisgekrönte Salzburger Regisseur Peter Keglevic ... zuletzt waren "Die Fremde und das Dorf", "Ein Geheimnis im Dorf" und "Treibjagd im Dorf" mit Franziska Weisz und Manuel Rubey im ORF ... fand in einem Motorsportheft:

"... auf den Spuren der historischen 1000 km durch Deutschland, die 1933 und 1934 erstmals stattgefunden haben."

Das war es. Das war der Rahmen der Geschichte des Berliner Juden Harry Freudenthal, die Keglevic jahrelang mit sich trug, aber nicht wusste, was genau er mit ihr machen sollte.

Genau das war es: Der erste Roman des 67-Jährigen sollte NICHT von einem Autorennen handeln.

Aber von einem Langstreckenlauf. Wieso laufen?

Keglevic zum KURIER: "Es blieb mir gar nichts anderes übrig! Harry der Held der Geschichte, läuft seit seiner Kindheit um sein Leben. Zuerst musste er seine rachitischen Knochen überwinden und überhaupt das Gehen/Laufen lernen, und seit 1940 ist er auf der Flucht. Durch Europa. Zu Fuß ..."

Wer steht, der vergeht (heißt es im Roman).

"… und darum war es schicksalhaft und zwangsläufig, dass Harry in einen Volkslauf gerät, und seinen Weg im 1000-jährigen Reich laufend zu Ende bringen muss."

Das Debüt

Beim Zahnarzt also war die Geburtsstunde von "Ich war Hitlers Trauzeuge". In Berlin präsentierte der Regisseur dieser Tage sein Schriftsteller-Debüt, ab Montag liegt es in den Buchhandlungen.

Keglevic kann schreiben. Nur einer aus der Filmbranche fällt ein, der jüngst als derart guter Autor aufgefallen ist: "Akte X"-Star David Duchovny mit seiner Vater-Sohn-Geschichte "Ein Papagei in Brooklyn".

"Ich war Hitlers Trauzeuge" ist erfunden. Man muss das immer vorsagen, denn alles wirkt echt. Der Münchner Knaus Verlag hat sogar als Werbung Landkarten und Plakate drucken lassen, die historisch-alt aussehen.

Harry Freudenthal, der falsche Papiere als Paul Renner hat und sich als Pilger aus Wien auf dem Jakobsweg ausgibt, wurde in Bayern festgenommen. Er wäre sofort erschossen worden, hätte nicht Leni Riefenstahl eingegriffen: Sie soll über "Laufen für den Führer" einen Dokumentarfilm drehen, aber im April 1945 gibt es kaum noch Deutsche, die sich auf den Beinen halten können.

Harry ist 25, groß, blond. Die Reichsfilmregisseurin befiehlt, dass er am Lauf teilnimmt.

20 Tage zu 50 Kilometern. Von Berchtesgaden bis nach Berlin. Leni Riefenstahl ist mit zwei Kameras im 770er Mercedes dabei. Eine gespenstische Reise, von der lakonisch erzählt wird. Die geschundene Landschaft spielt leider keine Rolle.

Aber Julius Streicher, Herausgeber der Hetzblattes Der Stürmer, lädt alle Läufer zum Essen ein. Plötzlich springt er auf: "Ich rieche, rieche Judenfleisch!"

Schon will Harry sich ergeben: Ja! Hier!

War jedoch ein – Scherz.

1000 Kilometer nach Berlin laufen. Ankunft ist am 20.April. Der zweite Preis ist ein BMW-Motorrad.

Der erste Preis: Besuch bei Hitler. Hände schütteln. Gratulieren zum Geburtstag. Harry Freudenthal wollte Hitler immer umbringen, logischerweise. Jetzt sitzt er neben ihm im Bunker ...

Von Chaplin gelernt

Keglevic hat etwas ohne große Leinwand versucht, "was wir von Chaplin, von Lubitsch und Mel Brooks gelernt haben sollten":

Totalitarismen – "gerade jetzt, wo die Gefahr besteht, dass sie wieder schick werden" – der Lächerlichkeit preiszugeben; und trotzdem den vielen Opfern gerecht zu werden.

Ist schon der Film geplant?

"Es ist zu früh, um darüber zu spekulieren. Wie das Buch aufgenommen wird, wie es sich verkauft – das wird auch eine Verfilmung beeinflussen. Vielleicht geht das Interesse über die Landesgrenzen hinaus, vielleicht noch viel weiter, vielleicht überquert es sogar den Ozean, ja und dann ..."


Peter Keglevic:
„Ich war Hitlers Trauzeuge“
Knaus Verlag.
576 Seiten.
26,80 Euro.
Ab 18. September im Handel.

KURIER-Wertung: ****