Das KHM in Rom: Spektakulär schön durch Farben und Licht
Auftakt zum ganzjährigen Italien-Schwerpunkt des Kunsthistorischen Museums in Rom: Die Infantin Margarita in blauem Kleid, gemalt 1659 von Velázquez, ist überall in der Stadt plakatiert zum großen Auftritt des KHM mit „Von Wien nach Rom, Meisterwerke der Habsburger“ (bis 5. 7.) im Palazzo Cipolla.
Ausgestellt sind mehr als 50 Top-Exponate aus vier Jahrhunderten europäischer Malerei von der Renaissance bis zum Barock inklusive Highlights von Rubens bis Arcimboldo und Preziosen aus der Kunstkammer.
„Noch nie war in Italien eine so große Auswahl unserer Meisterwerke zu sehen“, sagte Cäcilia Bischoff, KHM-Kuratorin und Kunsthistorikerin, vor der Eröffnung durch den italienischen Staatschef Sergio Mattarella und den österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen.
Christus „ohne Sixpack“
Der Blick des Besuchers wird anfangs durch ein schmales Preview-Fenster auf die „Dornenkrönung Christi“ des Großmeisters der Hell-Dunkel-Malerei Caravaggio gelenkt: Auf Christus, dargestellt als erschöpftes Wesen „ohne Sixpack wie sonst üblich in Renaissance und Barock. Das Bild war noch im Vorjahr vom Denkmalamt für den Verleih im Ausland gesperrt. Aber heuer ging es wieder“, freut sich Jonathan Fine.
Für den KHM-Generaldirektor „gehört Kulturaustausch zur DNA Europas“. Aber der 57-Jährige hat das Gefühl, sein Haus als Institution sei „ein bisschen in Vergessenheit“ geraten: „Die Werke sprechen für sich. Alle kennen die Brueghels, die Saliera, das Parmigianino ... Aber ich wollte auch unser Museum nach Rom und ins Spiel bringen, also die kaiserlichen Sammlungen und den öffentlichen Bau historisch thematisieren.“
„Eine Offenbarung“
Überraschend, um wie viel besser als in Wien einige Bilder in Rom zur Geltung kommen, exquisit ausgeleuchtet und wirkungsstärker präsentiert in weniger hohen Räumen. So hängt Orazio Gentileschis Gemälde „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ im KHM „normalerweise sehr hoch und ist hier auf Augenhöhe zu sehen“, sagt Fine, „eine riesige Offenbarung, absolut fantastisch in seiner Farbigkeit und in der Feinheit der Pinselstriche bei der Darstellung der Madonna.“
Auch die mit Hilfe künstlicher Intelligenz ermittelten abwechselnd kräftigen und subtil ausdifferenzierten Wandfarben sind ein wesentlicher Faktor für das optische Erleben. Da entfaltet im Ambiente der Grundfarbe Grau Frans Hals’ „Bildnis eines jungen Mannes“ plötzlich eine phänomenale Tiefenwirkung.
Eine in der Ausstellungsgestaltung sehr gut sichtbare Verbindung ergibt sich auch durch Antonio Cipolla, Architekt des Palazzo in der zentralen Via del Corso 320, der 1873 bei der Weltausstellung in Wien für Italien Kurator und mit Carl Hasenauer und Gottfried Semper beruflich wie freundschaftlich verbunden war.
Kunstkammer-Preziosen
Die nach Malschulen gegliederte Schau legt u. a. Schwerpunkte auf die flämische Kunst, vertreten durch Werke von Rubens, van Dyck und Brueghel d. Ä., die deutsche Malerei und einige spektakuläre Exemplare aus Italien; außerdem in der Auswahl an Objekten aus der Kunstkammer, einer der berühmtesten „Wunderkammern“ der Renaissance, in Verbindung mit Kabinettmalerei u. a. ein Marmorapfel neben Gerard ter Borchs „Apfelschälerin“ und ein Holz-Relief mit Adam und Eva, motivisch assoziiert mit Lucas Cranachs Ölgemälde.
Die neue Gemäldegalerie-Direktorin im KHM Jennifer Sliwka hat im Moment sehr viel zu tun. „Wir werden jetzt bei uns die eine Hälfte der Gemäldegalerie neu denken und in den kommenden Monaten die italienische Seite komplett neu hängen müssen“, kündigt Fine im KURIER-Gespräch an.
„Das wurde notwendig, weil wir für Rom so viele Werke aus der Galerie genommen haben“ – außerdem für die Frühjahrsschau „Canaletto & Bellotto“ (ab 24. 3. im KHM).
Fine weiter: „Und dass die beiden großen Tintoretto-Bilder jetzt endlich restauriert zurückkommen, ist auch ein Anlasss, die Präsentation neu zu denken. Aber die wird, glaube ich, ziemlich spektakulär sein.“
Caravaggio in drei Kirchen
Durch die politische Lage im Nahen Osten ist auch in der internationalen Ausstellungsszene vieles komplizierter geworden. Fine sieht in „Von Wien nach Rom“ vor allem ein wichtiges europäisches Projekt, das die europäische Dimension der über Jahrhunderte entstandenen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums stark in den Mittelpunkt rückt: „Dass Kultur in einer politisch, wirtschaftlich und militärisch herausfordernden Gegenwart hier als Bindeglied gezeigt wird, ist mir ein wichtiges Anliegen.“
Projekte seien zwar in Diskussion mit verschiedenen Ländern u. a. Saudi-Arabien. „Aber ich will nicht der Direktor sein“, so Fine, „der einen Caravaggio verliert, weil irgendeine Rakete ins Museum geschossen wurde.“
Auch noch Triest
Apropos: Wie Caravaggio gegen den Stil der Renaissance und deren Suche nach dem schönen Ideal rebellierte, ist übrigens in situ auch in drei römischen Kirchen kostenlos zu besichtigen: in San Luigi dei Francesi (nahe Piazza Navona), Santa Maria del Popolo und Sant’Agostino.
Am 2. April öffnet in Triest mit „Ancient Egypt in Miramare“ die zweite große KHM-Ausstellung in Italien an dem Ort, wo Maximilian von Habsburg (1837-1862) fast 2.000 Objekte versammelte. Sie widmet sich der Leidenschaft des Sammelns und der „Ägyptomanie“ des 19. Jahrhunderts, die der Erzherzog von Österreich und Kaiser von Mexiko, dessen Herrschaft bis zu seiner Hinrichtung nur drei Jahre dauerte, beeinflusste, vor allem den kulturellen Austausch zwischen Triest und Ägypten.
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