© Kunsthaus Wien/Maciej Dakowicz

Kultur
09/09/2019

KunstHausWien: Exhibitionismus und kein Entrinnen

Die Schau „Street.Life.Photography“ will ein klassisches Genre der Fotografie aktualisieren

Nein, man kann den Begriff „Street Photography“ nicht einfach übersetzen. Klar, es geht um Fotografie, die auf der Straße stattfindet und Szenen zum Inhalt hat, die sich dort abspielen. „Street Photography“ ist aber auch ein kunsthistorischer Begriff, der ein Genre und eine Haltung ab den 1950er und 60er Jahren bezeichnet. Er entstand, als Fotografen und Fotografinnen von Straßenszenen begannen, sich nicht mehr bloß als Dokumentaristen zu sehen, und im Kunstbetrieb ankamen.

Als Genre gehört „Street Photography“ zum Erbe des 20. Jahrhunderts, sie wird heute museal gesammelt und am Markt hoch gehandelt. Doch natürlich hörten Fotografen bis heute nie auf, die Straße zu erforschen. Die Schau „Street.Life.Photography“ (bis 16.2.2020) im KunstHausWien will nun die Historie mit der Gegenwart zusammenbringen – und sie legt nahe, dass sich im Genre nicht allzu viel geändert hat.

Am Ende der Straße

Dass der Blick von „Street.Life.Photography“ durch die historischen Klassiker eng geführt ist, hat seinen Grund: Basis der Präsentation ist die Sammlung des Modefotografen F.C. Gundlach, die heute an die Hamburger Deichtorhallen angedockt ist. Dort war die Schau auch zuerst zu sehen.

Aus Gundlachs Sammlung sind einige „Ikonen“ – darunter Bilder von Stephen Shore, Robert Frank oder Lee Friedlander – nach Wien gereist. Sie setzen schon die Motive fest, die der nicht-chronologisch aufgebaute, abwechslungsreiche Parcours zu unterschiedlichen Zeiten aufgreift: Das Aufeinandertreffen von Fremden am Gehsteig oder in der Enge der U-Bahn ist etwa wiederkehrendes Thema. Ebenso der Blick auf einsame Existenzen, die inmitten des Gewusels und doch ganz am Rand stehen.

Dass manche der gezeigten Bilder spontan aufgenommen und andere hochgradig inszeniert wurden, ist dabei kein Ausschlusskriterium, um als Teil der „Street Photography“ zu gelten. In der Perspektive der Kuratorin Sabine Schnakenberg sind die Werke zunächst einmal Kunst, oft ist von der „Straße als Bühne“ die Rede.

Dass die Frage, ob die abgebildeten Akteure diese Bühne freiwillig betreten haben, flächendeckend ausgeblendet bleibt, überrascht angesichts der in Aussicht gestellten Neubewertung des Begriffs „Street Photography“ dann aber doch. Denn das kleine, schmutzige Geheimnis des Genres ist, dass manche Aufnahmen ohne Indiskretion unmöglich wären und dass die Grenze zum Voyeurismus fließend verläuft.

Kunst sticht Würde

In anderen Metiers wurde zuletzt viel darüber nachgedacht: Dass der männliche Blick Frauen oft als Objekt fasst, gilt schon als Gemeinplatz. Dass Menschen anderer Kulturen oft unter kolonialen Vorzeichen abgebildet wurden und das Machtgefälle zwischen Herrschern und Beherrschten den Bildern anzusehen ist, ist ebenso ins Bewusstsein gedrungen.

Im Feld der „Street Photography“ aber sticht offenbar die Trumpfkarte, wonach alles im Schutz der künstlerischen Freiheit geschehe. So kann die österreichische Fotografin Lies Maculan hochgradig ästhetisierte Fotos schlafender Obdachloser, ausgearbeitet auf edlem Papier, präsentieren und behaupten, sie würde „den Armen ein Gesicht geben“: Wenn irgendjemandem diese Aussage zustünde, dann den Fotografierten, die allerdings wohl nicht bemerkten, dass sie abgelichtet wurden.

Kuratorin Schnakenberg argumentiert nicht zu Unrecht, dass viele Aspekte der Welt unsichtbar bleiben würden, wenn Fotografen immer rücksichtsvoll wären. Doch es gäbe die Möglichkeit, Machtungleichheiten zu thematisieren und zu zeigen, wie wertschätzende „Street Photography“ aussehen könnte. Die Schau lässt diese Chance aus.

Tatsächlich wird die Welt heute aber ohnehin von Überwachungs- und Handykameras nahezu lückenlos abfotografiert. Doug Rickard, ein Künstler in der Schau, reproduziert also nur mehr „Google Street View“, wenn er Bilder urbaner Straßen anfertigt. Er reißt so immerhin den geänderten Kontext an, in dem sich Fotografien, ob künstlerisch oder nicht, heute zu behaupten haben. Darüber tiefer nachzudenken wäre aber Aufgabe einer anderen Ausstellung. Denn „Street.Life.Photography“ beharrt auf dem auratischen Meisterwerk, ganz wie ehedem.