Kultur
25.06.2018

Kunst: Lasst die Blumen wieder sprechen

Wiens Ausstellungshäuser zeigen derzeit, dass florale Motive nicht nur zur hübschen Dekoration dienen

„Das ist doch diese Muttertagsausstellung, oder?“

Der Kollege, aus dessen Mund dieser Kommentar stammt, hat die Schau „Sag’s durch die Blume – Wiener Blumenmalerei von Waldmüller bis Klimt“ im Unteren Belvedere nicht gesehen. Doch er hat die Vorbehalte, die einige Menschen wohl – zu Unrecht! – von dieser Ausstellung fernhalten werden, gut zusammengefasst.

Blumenbildern haftet der Ruf des Gestrigen an, sie gelten als hübsch, aber eben harmlos. Dabei gehören Blüten und Pflanzen zu den dauerhaftesten Motiven der Kunst: Sie waren und sind Messlatten für darstellerische Kunstfertigkeit, Symbole für Vergänglichkeit, Schönheit oder Melancholie und standen als Objekte botanischen Interesses nicht selten für das gesamte menschliche Bemühen, die Welt zu erfassen und zu verstehen.

Dass solche Symbolkraft durchaus in die Gegenwart reicht, lässt sich derzeit in Wien besonders gut nachvollziehen – haben doch mehrere Häuser das Blumenthema in ihr Programm integriert.

Die Schau in der Belvedere-Orangerie erzählt dabei zunächst nur ein Kapitel Kunst-Geschichte: Klimt steht für den Sprung zur Moderne, Waldmüller für „Biedermeier“. Auch wenn der Meistermaler sich nur rund zehn Jahre seines Lebens den Blumen widmete, half er doch mit, den Begriff „bieder“ auf ewig mit feinst gemalten Lilien, Rosen oder Nelken zu verschweißen.

Blütezeit

Dabei umfasste die „Wiener Blumenmalerei“ schon vor Waldmüller eine Reihe renommierter Künstler und Künstlerinnen. Johann Knapp, Franz Xaver Gruber oder Joseph Nigg befanden sich ihrerseits im Wettstreit mit Vorbildern aus den Niederlanden wie Jan Huysum oder der Malerin Rachel Ruysch: Im Blumengenre erreichten Frauen oft dieselbe Anerkennung und dieselben Preise wie ihre männlichen Kollegen, das ist bis heute eine Ausnahme geblieben.

Der Umstand, dass die – nur Männern zugängliche – Wiener Akademie der bildenden Künste ab 1812 eine eigene „Schule für Blumen, Früchte- und Thiermalerei“ unterhielt, trug in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Blüte der Wiener Blumenmalerei bei. Ebenso förderlich war, dass die Wiener Porzellanmanufaktur eine eigene Malerei-Schule unterhielt, die der Blumen-Spezialist Johann Baptist Drechsler ab 1787 leitete. Wer hier tiefer eintauchen will, kann vom Belvedere ins MAK weiterziehen, wo der Porzellanmanufaktur bis 23.9. eine umfassende Schau gewidmet ist.
Doch auch wer für künstlerische Traditionslinien wenig übrig hat, kann sich in den Details der Stillleben verlieren: Das große Bouquet von Johann Knapp (1821/’22) am Start der Belvedere-Schau etwa ist als Monument für den Botaniker Nikolaus Joseph von Jacquin zu entschlüsseln, jenem Mann, der dem Wiener Botanischen Garten sowie den Gärten von Schloss Schönbrunn vorstand und das „Linnésche System“ zur Klassifizierung von Pflanen in der Habsburgermonarchie vorantrieb.

Das Blumenbild diente also auch als Porträt des Fortschritts und der rationalen Erfassung der Welt. Knapps Schüler Anton Hartinger (1806 – 1890) stieß weiter in diese Richtung vor: Seinen Aquarellen, die als Vorlagen für einen Prachtband entstanden, ist eine Schau in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste gewidmet (bis 26.8.).

Die Orchideen und Lilien, die Hartinger in Wiens Gewächshäusern erfasste, hatten freilich allesamt Migrationshintergrund. Und an die Idee, das Thema „Diversität“ mit Blumen darzustellen, knüpfen Künstlerinnen und Künstler heute wieder an.

Migration und Tod

Einer von ihnen ist der Niederländer Willem de Rooij: Ein von ihm konzipierter Blumenstrauß steht als duftende Fußnote in der Belvedere-Schau. Im KunstHausWien wiederum hat das Künstlerinnen-Duo Resanita die Flora des Hauses selbst erforscht: Über 260 Pflanzenarten fanden sie auf dem einst von Friedensreich Hundertwasser adaptierten Gebäude. Die Pflanzen wurden teils zu Bouquets arrangiert, fotografiert, gepresst und auch auf ihre politische Symbolik hin abgeklopft (Kornblumen fand man keine).

Dass Kunst imstande ist, die flüchtige Schönheit der Natur zu erhalten, ist freilich ein uraltes Motiv, das unter anderem Jan Brueghel d.Ä. (den „Blumen-Brueghel“) beschäftigte. Eines seiner prachtvollen Bouquets ist derzeit im Kunsthistorischen Museum Wien einem Film von Steve McQueen („Twelve Years A Slave“) gegenübergestellt. Während im Gemälde kleine Insekten zu sehen sind, die sich an langsam vergammelnde Blüten heranmachen, hält die Kamera auf ein totes Pferd in einer Wiese: Es surrt der Filmprojektor, Fliegen umschwirren das Tier. Da behaupte noch einer, dass Wald und Wiese keine starken Bilder mehr hergeben würden.