Kultur
03.04.2017

Kunst hinter verbalem Stacheldraht

Kultur soll als Gegenmittel zum Populismus wirken. Nur steht sie sich mit ihrem Jargon selbst im Weg.

Freuen Sie sich auch schon so auf die Wiener Festwochen? Ein „Performeum“, so verspricht das Programmheft, setzt dort „künstlerisch-aktivistische Positionen in Dialog, statt sie zu filtern oder durch Zuspitzung zu beschneiden“, eine „Akademie des Verlernens“ (…) „bietet Zugänge zu einer Pluralisierung der Perspektiven und der Dekolonialisierung von Körper und Geist.“ Die Wartezeit zum Start des Festivals verkürzt inzwischen die Ausstellung „Posthuman Complicities“ an der Akademie der bildenden Künste: Dort werden „koloniale Archive in Sprache und Bild fragmentiert und disloziert, um von der Geschichtsschreibung erzeugte Leerstellen sichtbar zu machen.“

Publikumsvertreibung

Hallo, sind Sie noch hier? Ach ja, Sie sind ja kulturaffin. Das bedeutet, Sie haben gelernt, derlei Texte seufzend über sich ergehen zu lassen.

Verschraubte, vorgeblich akademische Sprache ist ein nahezu unausweichlicher Bestandteil unseres Kulturlebens geworden, obwohl sie niemand so wirklich mag oder braucht: Spricht man von Angesicht zu Angesicht mit KuratorInnen, KünstlerInnen oder PerformerInnen (ja, das Binnen-I muss sein), stellt sich meistens heraus, dass sie durchaus in der Lage sind, verständliche Sätze von sich zu geben und dass sie klare Anliegen und Vorlieben haben. Dennoch windet sich Sprache heute wie ein Stacheldrahtverhau um kulturelle Erzeugnisse, je „zeitgenössischer“, desto undurchdringlicher. Es ist eine traurige Dynamik, die vielen Menschen den Zugang zur Kunst verbaut, weil sie Dinge „schwieriger“ macht, als sie sein müssen, und Versagensängste schürt.

Alle paar Jahre versucht jemand, an dem System zu rütteln. „Die akademische Sprache war keineswegs fachlich zwingend. Sie war vielmehr ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen zu kreieren“, schrieb etwa der Politologe Franz Walter 2006 im Spiegel – und bemängelte, dass seine Zunftgenossen sich mit ihrer Sprache die Möglichkeit nähmen, öffentlich etwas zu erklären oder gar zu bewirken.

Was das Reden über Kultur angeht, so konstatierte der Kulturphilosoph Christian Demand 2003, dass der Kunstbetrieb abgehobene Sprache nutzt, um sich selbst über die Kritik zu stellen: „Der zentrale Ausschlussmechanismus (...) ist nicht etwa das Argument, es ist die Beschämung. Nichts schützt das Reich vermeintlich absoluter Werte effizienter vor skeptischen Zumutungen.“

Doch auch die Wunden, die derlei Kritik reißt, heilen rasch, denn das Beharrungsvermögen der spröden Sprache ist enorm.

Unnötig kompliziert?

Die Argumente, die die Hüter des Jargons vorbringen, sind dabei stets dieselben. Das erste lautet: Die Dinge, mit denen sich die Geisteswissenschaften und die Künste befassen, seien eben komplex, sie entzögen sich daher auch der sprachlichen Vereinfachung.

Das zweite Argument lautet, dass es insbesondere in den Künsten darum geht, Alternativen zu Selbstverständlichkeiten und Normen aufzuzeigen: Daher müsse auch die Ausdrucksform sich der scheinbar klaren und schönen, in Wirklichkeit aber durch hergebrachte Geschlechter- und Machtverhältnisse geformten Sprache widersetzen.

Selbstgewählte Isolation

Wer ausschert oder – ganz schlimm – sein Publikum sprachlich „dort abholt, wo es ist“, riskiert den Abstieg: Wer popularisiert, setzt sich dem Populismusverdacht aus, wer Dinge als abgehoben kritisiert, outet sich als einer, der der Komplexität der Sache geistig nicht gewachsen ist oder – noch schlimmer – anti-intellektuelle Gefühle hegt. Niemand will hier anstreifen, daher wird unablässig neuer Jargon produziert, als Selbstschutz sozusagen.

Die Erkenntnis, dass sich der real grassierende Populismus und Antiintellektualismus mit widerborstiger Sprache nicht bekämpfen lässt, ist aber in gewisse Bereiche der Kunst und der Geisteswissenschaften eingesickert. Trump, Erdoğan, Le Pen oder Strache – ihnen allen hatten die Jargonauten beschämend wenig entgegenzusetzen.

Reden wir über Kunst!

Dabei könnte gerade die Kultur ein Ort sein, um Kritikfähigkeit zu lernen und dem Populismus den Nährboden zu entziehen: Über Musik oder Kunst, Theater oder Literatur zu sprechen, bedeutet auch, Emotion und Intellekt miteinander zu vernetzen. Nicht umsonst gilt Kulturkonsum und -kritik als fixer Bestandteil intakter demokratischer Öffentlichkeit. Dabei darf das Gespräch durchaus in einer populären Arena stattfinden – das „Literarische Quartett“ wäre ein Beispiel.

Es gibt keinen Grund, warum solche Formate nicht auch abseits von Seminarräumen im Bereich des Theaters oder der bildenden Kunst funktionieren sollten. In den Naturwissenschaften, wo selbstverständlich auch Jargon benutzt wird, zeigt man keine Scheu, diesen zu übersetzen – die „Science Busters“ erreichen damit breites Publikum.

Nur im Kulturbereich scheinen Akteure daran festzuhalten, dass die eigene Sprache per se auch publikumstauglich ist. Wo aber kluger Diskurs durch undurchdringlichen Jargon verunmöglicht wird, schadet sich die Kultur – und in Folge die öffentliche Sphäre – selbst.