Kultur
03.07.2018

Kunst: Arbeit jenseits des Stundenzählens

Eine Ausstellung im MuseumsQuartier fragt, was heute „produktiv“ ist – und wie man das messen kann

Die Kunst hatte schon immer ein besonderes Gespür für die Arbeitswelt. Waren die Bohemiens des 19. Jahrhunderts mit ihrem zur Schau gestellten Müßiggang noch provokanter Gegenentwurf zur Industrialisierung, so sind Künstlerinnen und Künstler im 21. Jahrhundert zum Pfadfindertrupp der Prekarisierung geworden.

Doch nicht nur, weil sich Kunstschaffende abseits einer schmalen Markt-Elite in wenig rosigen Einkommenssituationen vorfinden, weist die Kunst auf Kommendes voraus: Das Herstellen greifbarer und verkaufbarer Dinge ist im Kunstbetrieb längst zum Nebenschauplatz geworden, die Praxis besteht meist im Ausdenken selbst gestellter Aufgaben, der Prozess zählt oft mehr als das Resultat.

Sinn und Unsinn

Wer entscheidet da, was „produktiv“ ist, wer beurteilt Sinn oder Unsinn eines Unterfangens? Eine interessante Schau im Freiraum Q21 im MuseumsQuartier zeigt derzeit eine Auswahl künstlerischer Positionen, die sich derlei Fragen widmen (bis 2. September).

Dass viele Beiträge von Kunstschaffenden aus Osteuropa stammen – einige lebten oder leben als „Artists in Residence“ eine Weile im MQ – ist kein Zufall: In den Staaten, die früher zu Jugoslawien und der UdSSR gehörten, erlebten gerade auch Kreative den Wechsel von Produktivitäts-Ideologien direkt mit.

Svitlana Seleznova etwa hatte Kunst und Design studiert, übte aber ihren Kreativberuf nie aus: Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Geburt von zwei Kindern musste die Ukrainerin als Näherin ihr Auslangen finden. Ihre Tochter Dariia Kuzmych hat nun die Situation ihrer Kindheit in einem Interieur-Bild nachempfunden. Die Mutter führte dieses in Flicktechnik in bemerkenswerter Qualität aus – ein berührendes Werk, das auch über die Wertschätzung verschiedener Arten von Arbeit nachdenken lässt.

Irena Sladoje und Iva Simčić (Bosnien/Herzegowina) versuchten den Wert intellektueller Arbeit direkt zu messen: In einem Video sitzen beide neben einer Schachuhr, die eine drückt den Knopf, wenn sie gerade nachdenkt, die andere muss daneben, so scheint’s „unproduktiv“ verharren.

Spielen statt arbeiten

Iva Simčić präsentiert in der Schau auch zwei Gemälde, die junge Männer beim Videospielen zeigen: Diese Tätigkeit wird in Hinkunft noch verstärkt Verbreitung finden – wie das US-„Bureau of Economic Research“ 2017 herausfand, ziehen junge US-Männer heute das „ Gaming“ zunehmend der Erwerbsarbeit vor, die Automatisierung wird weiter dazu beitragen, 12-Stunden-Tag hin oder her. Die Künstlerin Simčić überblendet in ihrem Bild die anonymisierten Männer mit bunten Mustern, so als wolle sie andeuten, dass der Mensch im digitalen Zeitalter zunehmend zum Ornament mutiert.

Welche Tätigkeit aber im wirtschaftlichen Sinne produktiv ist, erfährt man oft genug erst hinterher. Der Tscheche Jiří Kovanda, dessen Aktions-Fotos aus den Jahren 1976–’77 einen historischen Anker der MQ-Schau bilden, wollte wohl primär Sand ins Getriebe streuen, als er sich auf öffentlichen Plätzen Prags in Kreuzhaltung aufstellte oder mit geschlossenen Augen in eine Menschenmenge marschierte: Kunst bestand oft genug darin, sich der Produktivitätslogik zu verweigern. Dass auch Kovandas Werke heute soliden Marktwert haben, ist eine Art Kollateralnutzen.

Der Kroate Igor Eškinja lagerte die Produktivkraft wiederum aus, indem er lediglich die Fingertapser von Besuchern an der Glastür des Louvre-Museums fotografierte.

Es ist ein Leichtes, von hier eine Linie zu den Smartphone-Schirmen zu ziehen, die wir täglich mit unserem Wischen und Tippen bearbeiten: Im Sinne der Datenindustrie sind wir alle höchst produktiv. Wem die Produktivität nützt, ist wieder eine andere Frage.