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Kultur
06/06/2019

Künstlerin Kiki Smith: Verletzung des Körpers, Wunden der Seele

Die US-Künstlerin im Gespräch über Gewalt, Medien und ihr vielgestaltiges Werk im Belvedere

„It’s great!“ Kiki Smith mag die barocken Säle des Unteren Belvedere, in denen ihre Werkschau „Procession“ (bis 15.9.2019) aufgebaut wurde. Vom bronzenen Büblein mit dem Fisch oder einem Januskopf an der Prunkskulptur Georg Raphael Donners im zentralen Saal ist es nicht so weit zu Smiths Werken. Dort entsteigt etwa eine Frau einem Wolf oder entspringt dem Körper eines Rehs. „Meine Arbeit kennt einen anderen Exzess als der Barock, aber exzessiv ist sie auch.“

Die Gestaltwandlerin

Wie der Querschnitt im Belvedere verdeutlicht, hat das Werk der 1954 geborenen US-Künstlerin selbst mehrfach die Gestalt gewechselt. Von einer radikalen Körperkunst, mit der Smith in den 1980er- und ’90er-Jahren ganz offensiv Ekel und den Horror des Zerfalls ansprach, spannt sich der Bogen mittlerweile zu fast lieblich-hippiesken Grafiken und Wandteppichen mit Tier- und Pflanzendarstellungen.

Smith steht dabei immer ein Stück weit außerhalb der modernen Tradition, die zwischen realem Ding und Darstellung, Gebrauchsobjekt und Kunstwerk streng unterscheidet: Ihre Körperfragmente erinnern bisweilen an Reliquien oder Votivgaben, ihre Stern-Skulpturen könnten auch rituelle Objekte sein.

„Ich wollte ursprünglich Arbeiten schaffen, die wie in einer Parade durch die Straßen getragen werden konnten“, erklärt die Künstlerin, die sich bereits als Kind an Druckgrafiken, wie sie etwa Dürer im „Triumphzug Kaiser Maximilians“ schuf, ergötzte.

„Bei meinen Bildteppichen dachte ich ans Mittelalter, an die Hippiezeit und die 1920er“, fährt Smith fort. „Diese Zeiten – wie auch der Barock – hatten Sinn für das Spektakel. Als ich dann gefragt wurde, wie meine Ausstellung heißen soll, war ,Procession‘ (Prozession)ein nahe liegender Titel.“

Blick ins Innere

Wenn auch Smiths Werk frei von direkt religiösen Inhalten ist, so erreicht ihr Zurschaustellen des verwundeten, leidenden Körpers in manchen Werken doch eine Intensität, wie man sie sonst nur in Christus- und Heiligendarstellungen im Mittelalter und Barock zu sehen bekommt. „Spanische und deutsche Maler schufen sehr direkte Arbeiten, in denen eine psychische oder spirituelle Wunde durch eine körperliche Wunde zum Ausdruck kam“, weiß sie. „Ich fand das sehr bewegend, als ich jung war.“

Ihre als „Jungfrau Maria“ betitelte Skulptur, die am Eingang der Belvedere-Schau zu sehen ist und den Eindruck einer Gehäuteten erweckt, hat allerdings keine kirchlichen Wurzeln – sie entstand nach Vorbild der anatomischen Wachsfiguren im Josephinum. Im Vorfeld ihrer letzten großen Wien-Schau 1992 im MAK hatte Smith diese studiert.

„Aus den Nachrichten ist der verletzte Körper ja völlig verschwunden“, konstatiert die Künstlerin heute. „Das war zur Zeit des Vietnamkriegs noch anders. Heute sind Filme und Videospiele übermäßig gewalttätig, aber die Gewalt der täglichen Realität ist aus den Medien verschwunden. Wir leben da in einer selbst gewählten Lüge. Der einzige Grund, warum die Gewalt doch zum Vorschein kommt, ist, dass die Leute Handykameras haben und damit Zeugnis ablegen. In normalen Medien gibt es eine Art der Anästhesie.“

Kunst, nicht Ideologie

Bei aller Aufmerksamkeit für gegenwärtige Themen – vom Feminismus über die Aids-Krise der 1990er bis zu ökologischen und sozialen Problemen heute – will Smith ihr Werk nicht nur durch die Brille des Inhalts betrachtet wissen. „In 90 Prozent meiner Arbeit bin ich an formalen Dingen interessiert“, sagt die Künstlerin, die ihrem Vater, dem minimalistischen Bildhauer Tony Smith, einst assistiert hatte. Materialqualitäten und die Machart der Werke seien enorm wichtig, betont die Künstlerin. So könne sie sich etwa „obsessiv“ mit Politurtechniken in der Druckgrafik befassen.

„Ich will keine ideologische Arbeit machen“, sagt Smith. „Ich war nur einmal in der Propaganda-Abteilung einer Aktivistengruppe, und ich konnte das einfach nicht. Gleichzeitig denke ich mir, dass ich gerne für einen Thinktank arbeiten würde: Ich denke anders als andere Leute – setzt mich gefälligst ein! Aber bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet.“