© ÖNB / Grillich/Grillich Ludwig/ÖNB//picturedesk

Kultur
09/21/2020

Künstler in Wien um 1900: Stars von einst im Homeoffice

Ein Blick in die „Arbeitszimmer“ von Strauß, Brahms, Lehár, Wolter, Bahr und Salten.

von Werner Rosenberger

Heimarbeit hat manchmal Nebenwirkungen: Charlotte Wolter, die große Tragödin des Hofburgtheaters und berühmt für ihren elementaren Ausbruch des Seelenjammers, den „Wolter-Schrei“, den man das „hohe C“ des Trauerspiels nannte, stand plötzlich ihrem zu Tode erschrockenen neuen Dienstmädchen gegenüber, ruhig in Pose vor dem Spiegel, dann lachend: „Aber, Sie Tschapperl, Sie wissen doch, dass ich Schauspielerin bin. Ich studiere eine Rolle!“

Als die Wolter einmal abends ihr dunkles Zimmer betrat, hörte sie etwas, als würde jemand ermordet. Nach dem ersten Schreck fiel ihr ein, dass sie in Gegenwart ihres Papageis „Lady Macbeth“ studiert hatte, wobei der Vogel den ihr abgelauschten Entsetzensschrei an diesem Tag erstmals zum Besten gab.

Was heute viele Werktätigen betrifft, war für die Stars von einst selbstverständlich: Arbeiten im Homeoffice. Ludwig Grillich (1856–1926), Fotograf mit Ateliers in Wien und Franzensbad sowie schwedischer und russischer Hof-Fotograf, hielt um 1900 die repräsentativen Wohnungen von Musikern wie Johannes Brahms und Franz von Suppé, von Schauspielern wie Adolf Sonnenthal und Joseph Lewinsky, von Schriftstellerinnen wie Marie von Ebner-Eschenbach oder Bertha von Suttner im Bild fest.

Der Schriftsteller Hermann Bahr hatte von seinem Arbeitszimmer im 4. Stock, Porzellangasse Nr. 37, zunächst einen schönen Blick auf den Liechtensteinpark und nach 1900 in Ober St. Veit auf Gustav Klimts Gemälde „Nuda Veritas“, von Joseph Maria Olbrich in die Holzverkleidung eingebaut.

Bei Johann Strauß im Haus in der Igelgasse standen im Parterre-Salon mit drei Fenstern in den Garten „ein entsetzliches Pianino mit wackligen, gelben Tasten, die wie das Gebiss einer pensionierten Hofopernsängerin“ aussahen, wie von Besuchern überliefert ist, und ein Harmonium, an dem der Walzerkönig meist komponierte.

„In seinem Arbeitszimmer standen eines Tages etwa zehn Kopisten an der Arbeit“, berichtet der Klavierbauer Ludwig Bösendorfer. „Johann Strauß geht, eine Pfeife im Munde, herum und diktiert ihnen die Instrumentierung zu einem neuen Walzer.“

Honorar beim Würfelspiel verloren

Am Abend wurde das Stück beim „Sperl“ in der Leopoldstadt gespielt, musste sogar dreimal wiederholt werden. Nach dem Konzert hat Strauß sein Honorar für den neuen Walzer beim Würfelspiel an seinen Musikverleger Carl Haslinger verloren.

Im Haus von Felix Salten in der Cottagegasse hingen an den Wänden ein Bild von Josef II. und eine Kopie des Canaletto-Gemäldes „Schloß Schönbrunn“. Büsten von Schubert und König David mit der Harfe standen am Schreibtisch des Nachtarbeiters, Vielschreibers und Erfinders von „Bambi“, dem wohl bekanntesten Reh der Welt.

Das „Atelier“ von Franz Lehár, ab 1908 Hausbesitzer in der Theobaldgasse 16 in Mariahilf, war mit Bildern und Theaterzetteln in allen Sprachen dekoriert. Worauf war der Operettenkönig am meisten stolz? Ohne eine Antwort nahm er eine in einen Goldrahmen gefasste Visitkarte von der Wand: eine Empfehlung für den 17-jährigen Lehár von Johannes Brahms.

Junggesellenwirtschaft

Der wohnte viele Jahre zur Miete in der Karlsgasse 4 in drei bescheidenen Zimmern: In der malerischen Unordnung seines Bücherschrankes fand sich niemand zurecht als Brahms selbst, der zu Besuchern entschuldigend sagte: „Es ist halt eine Junggesellenwirtschaft.“

Unentbehrlich war die Kaffeemaschine am Tisch im Klavierzimmer. Im anschließenden Arbeitszimmer stand ein Schreibpult, ein echtes Biedermeiermöbel. Dort arbeitete Brahms stehend, er war Peripathetiker (Umherschlenderer), gewohnt seine Gedanken zu ergehen. Wie auch Thomas Bernhard schrieb: „Beim Spaziergehen leitet die Körperbewegung die Geistesbewegung an.“

Tizians „Danae“

Seltsam der Hintergrund von zwei historischen Aufnahmen daheim bei Strauß und dem Hofschauspieler Ernst Hartmann in der Sternwartestraße 55. Bei beiden Künstlern hängt das gleiche berühmte sinnliche Bild an der Wand: Tizians nackte „Danae“, die sich auf die weichen Kissen ihre Bettes zurückfallen lässt, während Zeus als goldener Regen ihrem Schoß zustrebt.

In zwei Wiener Wohnungen ein nach 1554 entstandenes Spätwerk des größten Künstlers der venezianischen Renaissance-Malerei, das es in mindestens sechs Versionen gibt, u. a. in Neapel, Madrid, London, St. Petersburg.

Wie ist das zu erklären?

Strauß und Hartmann besaßen Kopien der schönen Nackten, die Sittlichkeitswächter in Wien noch 1907 aus dem Kunsthandel verbannten. Das Original, die einzige signierte „Danae“, ist aus der Erotiksammlung von Kaiser Rudolf II. im Kunsthistorischen Museum Wien.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.