Cinemascope-Bühnenbild: Thomas Köcks „Kudlich in Amerika“ im Wiener Schauspielhaus

© Matthias Heschl

Kritik
01/12/2020

"Kudlich in Amerika“: Kapitalismusdebatte im toxischen Texas

Zähe Uraufführung von Thomas Köcks „Kudlich in Amerika“ im Wiener Schauspielhaus

von Thomas Trenkler

Erst gegen Ende hin, nach eindreiviertel Stunden, wird der zentrale Gedanke ausformuliert. Die Geschichte, so erklärt uns der Dramatiker Thomas Köck, gehe uns alle an. Denn die Gegenwart, „diese erschütternde Gegenwart“, sei nicht vom Himmel gefallen, und wenn wir aus ihr wieder raus wollten, müssten wir „an die Geschichten ran“.Man sehe ja, was passiere, wenn man „denen“, den „versifften“ Politikern, die Geschichten überlasse, darunter jene vom Kapitalismus als dem Besten, was wir hätten kriegen können. Wir müssten uns die Geschichten daher selbst erzählen – und dürften damit nicht aufhören.


Thomas Köck, der gefeierte Postdramatiker, ist leider kein begnadeter Geschichtenerzähler. Im zweiten Teil seiner „Kronlandsaga“ bemüht er sich zumindest um eine Art Handlung. Wie schon 2016 in „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ beschäftigt er sich mit dem österreichischen Politiker und Revolutionär Hans Kudlich, der 1848 als Bauernbefreier in die Geschichte einging und später, vom Kaiser zum Tode verurteilt, in die USA floh.

 

Kudlich ließ sich in Hoboken (New Jersey) nieder, wo er eine Arztpraxis betrieb. Im seinem Konstrukt „Kudlich in Amerika“, am Samstag uraufgeführt, schickt Köck ihn allerdings nach Texas. Denn dort lässt sich trefflich über Landnahme und Frühkapitalismus, über die Gier nach Öl und „Carbon“ befinden. Und Köck orientiert sich stark am Kollegen René Pollesch: Kudlich landet nicht in Texas, sondern in einer Filmkulisse.

Vom Winde verweht

Stephan Weber hat tatsächlich eine prächtige, sehr deprimierende Cinemascope-Szenerie ins Wiener Schauspielhaus gebaut: Eine Deponie Highfield als steinige Wüstenei mit halb versunkenen Ölfässern und einer verrußten Werkstätte samt Shell-Logo. Integriert ist auch eine große Leinwand für Videoprojektionen. Denn Regisseurin Elsa-Sophie Jach lässt ihr Ensemble oft zwischen Bühne und Abbild herumirren.

Unser Hans ist leider im falschen Film, in „Giganten“, gelandet. Er wird am Set von Elizabeth Taylor, Rock Hudson und den anderen Schauspielern für James Dean gehalten. Die Manner stecken, ach wie lustig, in Western-Frauenkostümen (bzw. umgekehrt), ohne allerdings wirklich ihr Verhalten zu ändern. Es ist echt schon ein Fluch mit dieses toxischen Rollenzuschreibungen – noch dazu in einer toxischen Landschaft. Weil es nicht viel zu erzählen gibt, spielt man die Techno-Musik von Andreas Spechtl sehr laut, man bietet dem Auge viele Farbreize, zwischendurch gibt es auch eine Zirkusnummer. Signalwörter wie Neoliberalismus, Spindoktoren, kollabierende Ozeane, Empfindlichkeitsgetue, Daten schreddern, Artensterben etc. hallen hohl nach. Hans Kudlich, verkörpert von Clara Liepsch, macht den Texas-Fake irgendwann nicht mehr mit und erklärt wortreich, dass er raus sei. Einverstanden.

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