Kultur
01.03.2015

5000 Kommentare zu Hitlers Irrsinn

Ab 2016 ist "Mein Kampf" nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Ein erster Nachdruck sorgt bereits jetzt für Streit.

70 Jahre lang hatte Bayern die Kontrolle über Adolf Hitlers wirre Propagandaschrift "Mein Kampf". Nun aber endet dies: Ab dem 71. Kalenderjahr nach Hitlers Tod ist das Machwerk nicht mehr urheberrechtlich geschützt.

Dieser Urheberrechtsschutz war eine "bequeme Möglichkeit", neue Ausgaben von "Mein Kampf" zu verhindern, sagt Winfried Garscha vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) zum KURIER.

Federführend dabei war der Freistaat Bayern. Denn dieser hält – in Nachfolge eines NS-Verlages – derzeit noch die Rechte an dem Text. Und hat diese Tatsache in der Vergangenheit dazu genützt, den Finger draufzuhalten.

Ausgerechnet in Bayern ist aber nun ein Streit um die erste geplante Neuauflage von "Mein Kampf" nach Auslaufen des Schutzes entbrannt. Am 4. Jänner 2016 – dem ersten regulären Arbeitstag in Deutschland – soll eine wissenschaftliche kritische Ausgabe erscheinen. Darin: Der Originaltext (rund 780 Seiten), versehen mit 5000 Kommentaren, die den letzten Stand der NS-Forschung wiedergeben.

Insgesamt 2000 Seiten.

Das Institut für Zeitgeschichte (IFZ) in München versucht mit dieser kritischen Ausgabe jenes Terrain zu besetzen, das ab diesem Tag allen offensteht. Denn, dem Urheberrecht nach, kann der Text künftig von jedermann nachgedruckt werden.

Vorläufer und Folgen

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen – die Historiker haben u.a. einen Germanisten und einen Humangenetiker beigezogen – wollen in der IFZ-Ausgabe die Vorläufer und die Folgen des Gedankenguts Hitlers aufzeigen. Das IFZ verkauft das Buch zum Selbstkostenpreis, um nicht in den Verdacht zu geraten, Kapital aus "Mein Kampf" schlagen zu wollen.

Der Freistaat reagierte ungehalten – obwohl er anfangs das Projekt beauftragt und gefördert hatte. Diese Zusage wurde zurückgezogen; der Münchner Justizminister Winfried Bausback will "mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des Strafrechts" – gemeint ist der Tatbestand der Volksverhetzung – "gegen jeden strafrechtlich relevanten Nachdruck" vorgehen. Bausback betont, sich insbesondere auf den "unveränderten" Nachdruck zu beziehen – also auf weitere Neuauflagen, nicht die IFZ-Ausgabe.

Österreich

In Österreich fällt diese jedenfalls nicht in die strafrechtliche Relevanz: Eine kommentierte wissenschaftliche Behandlung von "Mein Kampf" ist nicht strafbar, weil sie "das Gegenteil der NS-Wiederbetätigung erreichen will", hieß es aus dem Justizministerium zum KURIER.

"Mein Kampf" darf in Österreich ohnehin unverändert und unkommentiert verkauft werden – so lange dies nur wirtschaftlichen Interessen gilt. Auf dem Flohmarkt oder beim Antiquitätenhändler kann man das Buch (ver-)kaufen; die Händler dürfen es aber nicht "positiv bewerben". Denn strafbar wird es dann, wenn ein Verkauf "in der Absicht begangen wird, die NSDAP oder zumindest eine ihrer wesentlichen Zielsetzungen wieder zu errichten oder zu propagieren". Also bei einem Wiederbetätigungsvorsatz.

Auch Garscha betont: Es sei "keine Katastrophe", dass das Buch nun wieder zugänglich sein werde. Die wissenschaftliche Aufarbeitung allein werde aber keinen Rechtsextremen von seiner Gesinnung abbringen. Nicht zuletzt weil ein Download des unkommentierten Texts von "Mein Kampf" längst nur eine Suchanfrage entfernt ist. Entscheidend sei, den Menschen klar zu machen, "was das für ein Machwerk ist", sagt Garscha. Die kritische Ausgabe wird dafür in der Alltagsarbeit gegen Rechtsextremismus als Quelle zum Nachschlagen nützlich sein.

Das „ungelesenste“ Buch war Hitlers Geldquelle

Um zu zeigen, welcher Unfug in „Mein Kampf“ steht, dafür brauchte Helmut Qualtinger keinen Kommentar. Ihm reichte es, einfach daraus vorzulesen. Im 1924 von Hitler in der Haft verfassten Text findet sich vieles jener Ideologie, die wenige Jahre nach dem Entstehen des Buchs zur Tragödie führte: Antisemitische Tiraden, der „Anschluss“ Österreichs, die Suche nach „Lebensraum“ für die Deutschen, ein „nationaler Sozialismus“. Elf Millionen Exemplare wurden gedruckt, das Buch war eine wichtige Geldquelle Hitlers.

Nach dem Krieg sagten viele Deutsche, sie hätten das Buch zwar besessen. Aber sie hätten es nicht gelesen, „Mein Kampf“ galt als das „ungelesenste“ Buch.
Die historische Bedeutsamkeit dürfe man jedenfalls nicht überschätzen, sagte der Historiker Winfried Garscha: Hitlers Reden und die Schriften des Verwaltungssektors, mit denen die NS-Ideologie umgesetzt wurde, seien weitaus wirkungsvoller gewesen als „Mein Kampf“.