Kultur
02.11.2018

Akademietheater-Premiere: Die Welt hinter der Schamgrenze

Kritik: Gregor Bloéb brillant als „Der Kandidat“ von Carl Sternheim nach Flaubert im Akademietheater.

Wo die echte Macht ist, da wohnt immer auch die Angst. Und die Wahrheit? Die Wirklichkeit?

„Wahrheit ist nicht Wahrheit“, sagte ein US-Präsidenten-Anwalt kürzlich. „Das Wahre gibt es nicht. Es gibt nur verschiedene Arten des Sehens“, heißt es in „Der Kandidat“ im Akademietheater.

Die Polit-Komödie von Carl Sternheim nach Flaubert aus dem Jahr 1915 wird in der Bearbeitung von Florian Hirsch und in der Regie von Georg Schmiedleitner zu einer grellen und immer noch hochaktuellen Farce mit viel Slapstick- Komik.

Schon Sternheim sah sich als „Doktor am Leibe seiner Zeit“. Und mehr als ein Jahrhundert später bewegen sich seine Figuren auf einem leuchtenden Podest unter einem großen beweglichen Spiegel an der Decke ständig im Kreis (Bühne: Volker Hintermeier).

Zufallskarrierist

Alles dreht sich. Alles bewegt sich. Die Roulettekugel rollt. Das Spiel kann beginnen. Faites vos jeux! Der Ex-Investmentbanker Leopold Russek hat mit 42 Jahren alles erreicht: Reichtum, Ruhestand und den Zustand quälender Langeweile. Also warum nicht in die Politik gehen?

Gregor Bloéb zeigt als Titelfigur auf der Suche nach einer neuen Herausforderung im Pyjama zunächst Bauch, dann Dummheit und Ahnungslosigkeit. Konservativ, sozial, liberal – alles egal.

Ein Millionär mutiert sukzessive zum virtuos mit Worthülsen und Leersätzen jonglierenden Demagogen und Rechts-Populisten. Gezeigt wird, wie’s zugeht in den Vorzimmern der Macht: Wie man einen Gegenkandidaten (Dietmar König) Schachmatt setzt, ungeniert mit Medien packelt, plumpe Wählertäuschung betreibt, Flops als Erfolge verkauft und am Ende einen strahlenden Sieger präsentiert.

Wenn Peter Turrini jüngst gegen einen „moralischen Umsturz vom Anstand zur Unanständigkeit“ und gegen den „Siegeszug der Arschlöcher“ in Österreich wetterte, hier wird einer dieser „Zyniker der Macht“, einer der „Wellenreiter des Augenblicks“ exemplarisch vorgeführt.

Offen für alle – „Jede Partei hat ihr Gutes.“ – umschwirren den anfangs naiven Quereinsteiger Russek im Karussell der Lügen, Intrigen und Manipulationen sinistre Grafen, dubiose Medienleute und skrupellose Politikberater. Wie sie zwischendurch tanzen, erinnert frappant an Szenen aus der TV-Erfolgsserie „ Babylon Berlin“. Und alle haben doch nur eines im Sinn: Ihre eigenen Interessen. Während ihre im Original bedeutendere Rolle noch die Handlung vorantreibt, gibt Petra Morzé hier bloß die maßlos verwöhnte Ehefrau, der es „schrecklich geht, seit ihr Mann aufgegeben hat, was er am besten kann: Mit maximaler Weltverachtung sehr viel Geld zu verdienen“.

Zum mächtigen Medienunternehmer, der im Hintergrund die Fäden zieht, fehlt es dem aus der Josefstadt engagierten Florian Teichtmeister zwar an Souveränität, er punktet aber als Meister der Zwischentöne. Sabine Haupt als hinterhältige Anwältin mit Bärtchen zeigt beim knallharten Strategie-Coaching Beinarbeit. Nicht viel mehr als Staffage: Christina Cervenka als Russek-Tochter, Bernd Birkhahn und Valentin Postlmayr als Grafen.

Dass die unappetitlichen Erscheinungen der Regierungs- und Tagespolitik und ihrer Protagonisten hierzulande auf der Theaterbühne nicht sichtbar gemacht würden, kann man der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann bei der Wahl dieses Stückes mit Sicherheit nicht vorwerfen.

Ob’s allerdings auch jene erreichen wird, die an der Wahlurne beim nächsten Mal mit Erkenntnisgewinn gegen die Menschenfeindlichkeit der Knallchargen in der heimischen Politik agieren, steht auf einem ganz anderen Blatt.