"Fasching": Kreuzweg im Karneval

Atemberaubend: Nikolaus Habjans Darstellung eines Beischlafs.
Anna Badora stellte sich in Wien mit der Dramatisierung von "Fasching" vor. Bis zur Pause packend.

Gerhard Fritsch geriet trotz der Bemühungen von Robert Menasse in Vergessenheit. Aber nicht ganz: Im Mai 2014 brachte das Schauspiel Leipzig eine Dramatisierung des Romans "Fasching" zur Uraufführung. Und nun, eineinhalb Jahre später, startete Anna Badora ihre Volkstheater-Intendanz ebenfalls mit diesem bedrückenden Befund über das nicht entnazifizierte Nachkriegsösterreich.

In seinem zweiten Roman erzählt Fritsch, der sich 1969 mit 45 Jahren das Leben nahm, das Schicksal eines Außenseiters, der von der Gemeinschaft in einem fort gequält und erniedrigt wird.

Felix Golub desertiert gegen Ende des Krieges aus der Wehrmacht, überlebt in Frauenkleidern und rettet eine südsteirische Kleinstadt vor der Zerstörung. Doch der Unglücksrabe wird denunziert – und kommt in ein russisches Arbeitslager.

Im Fasching 1957, nach zwei Jahren in Graz, wo er seine Braut Hilga kennengelernt hat, kehrt er, wiewohl für tot erklärt, zurück. Das bitterböse Spiel beginnt erneut: Fritsch beschreibt sprachlich äußerst präzise einen Kreuzweg. Die Inszenierung von Anna Badora endet daher auch mit einer Nachstellung der Pieta: eine Madonna in NS-Uniform hält den nackten, toten Felix in ihren Armen.

Diesem Schlussbild war ein ebenso starker Beginn vorangegangen – mit der Ankunft von Felix. Sein väterlicher, feiger Freund, der Fotograf Raimund, will ihm das Atelier überschreiben. Das Dach ist zwar undicht (wie im Volkstheater), Hilga meint aber frohgemut, man werde das Haus schon verwandeln.

Die Begebenheiten 1957 wechseln mit Erinnerungen an 1945 ab. Doch auf der Drehbühne mit dem dreidimensionalen Bilderrahmen von Michael Simon (in NS-Braun und in Unschuldig-Weiß) ändert sich nichts. Denn es hat sich ja nichts geändert: Die Nazis von einst haben weiterhin das Sagen.

Daher bleibt Nils Rovira-Muñoz als Felix das zarte Bürschchen, das nun auch von seiner Hilga, einer Walküre mit BdM-Attitüde, erdrückt wird. Stefanie Reins-perger spielt ihren Kollegen an die Wand, der immer so schaut, als wäre er Kevin allein im NS-Waisenhaus.

Lebensgroße Puppe

Bis zur Pause erzählen Badora und ihr Dramaturg Roland Koberg die Geschichte packend, stringent nach. Danach verzetteln sie sich leider in zu vielen Details. Elena Schmidt zeigt als bösartige Fachlehrerin Schärfe, Thomas Frank brilliert mit Widerwärtigkeit. Adele Neuhauser lässt als sexhungrige Baronin Dämonie vermissen, zu faszinieren versteht aber Nikolaus Habjan: Mit seiner lebensgroßen Puppe bringt er die Reflexionen des Protagonisten zu Gehör. Atemberaubend gelingt ihm die Darstellung des Beischlafs zwischen Felix und der Baronin.

KURIER-Wertung:

Kommentare