Die Urahnen des Überflusses, mit Turnschuhen aus Blei

Das Kollektiv Superflux stellt sich im Weltmuseum Wien die Gegenwart als Vergangenheit vor – und nimmt sich nicht zu ernst.
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„Sie treten zeremoniellen Objekten gegenüber. Bitte verhalten Sie sich in diesem Raum leise, um den spirituellen Andachtscharakter zu respektieren.“

Uff, denkt man da: Schon wieder dieser Ritual-Karneval im Museum, das ging ja schon einige Male richtig schief. Beim Kollektiv Superflux, das sich nun im Weltmuseum ausgebreitet hat, ist allerdings schnell klar, dass das Zeremoniell ein Kunstgriff ist, um den Blick aus der Distanz zu ermöglichen: Ein aus Blei gegossener Turnschuh ist nicht ernsthaft ein „Objekt, das mit saisonalen Erneuerungsritualen in Verbindung steht“, auch wenn ein Konnex zur Alltagsrealität erkennbar ist (wann kommt eigentlich die neue Frühjahrskollektion?).

Sich vorzustellen, wie Archäologen und Ethnologen dereinst auf unsere Gegenwart blicken könnten, ist als Idee nicht ganz neu. Doch Anab Jain und Jon Ardern exerzieren sie in ihrer Installation „Relics of Abundance“ (etwa: „Überbleibsel des Überflusses“) gekonnt durch. Die anspielungsreiche Installation ist das jüngste Werk des britischen Künstler- und Designerduos und das Herzstück der Ausstellung „The Craftocene“ im Weltmuseum.

Konsum und Ritual

Superflux kombinieren dabei einige ihrer erfundenen Ritualobjekte mit Stücken aus der Sammlung des Weltmuseums. Diese wurden meist ebenfalls einem rituellen Kontext entnommen, den Forscher nur bruchstückhaft nachvollziehen konnten.

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Neben einem Schemel der Tukano aus Brasilien steht also ein Sitzmöbel, das dem Designklassiker „Wassily“ von Marcel Breuer nachempfunden ist – das Rohrgestell besteht aber aus Holz und geplätteten Aludosen. Ein Totempfahl daneben nimmt ebenfalls auf einen Designklassiker, einen Hocker von Aalvar Alto, Bezug. Dessen Stapelung soll laut den Superflux-Zukunftsarchäologen „die Anhäufung von Reichtum, das Erreichen von Status und die Hingabe an unermüdliche Arbeit symbolisiert haben“.

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Ihrer Kritik an der Wachstumsökonomie stellen Superflux die Vision einer Gemeinschaft gegenüber, in der sich Natur und Mensch im Austausch befinden. Die Installation „Refuge for Resurgence“, die ihre Premiere auf der Architekturbiennale 2021 in Venedig feierte, scheint noch einem romantischen Ideal verhaftet: Zu sehen ist ein gedeckter Tisch, der Spezies von der Schlange bis zum Schwammerl einen Platz zuweist; am Screen dahinter flimmert die Vision einer von der Natur überwucherten Stadtlandschaft.

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Avancierter erscheint daneben die Installation „Nobody Told Me Rivers Dream“: Superflux platzierten dafür Skulpturen, die zugleich als Wettersensoren funktionieren, entlang der Themse. Die dabei gesammelten Daten flossen in eine KI ein, die mit tradiertem Wetterwissen (etwa Bauernregeln) trainiert wurde. Am Ende des Experiments spricht der Fluss allerdings keinen Klartext. Doch wer gewillt ist, seine Perspektiven auf das Verhältnis Mensch/Natur zu erweitern, kann die Ohren spitzen.

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