ÖNB erkundet die Liebe, vom verzehrenden Feuer bis zur Großmama

Exponate zur "Weltmacht Liebe" reichen von Liebesbriefen und Buchillustrationen bis zu antiken Belegen für Wohltätigkeit
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 „Die Liebe ist keine imperiale Weltmacht, die Kriege führt“, sagt Bernhard Fetz, Leiter des ÖNB-Literaturarchivs. Als Co-Kurator der Ausstellung „Weltmacht Liebe“, die bis zum 1. November die Besucherinnen und Besucher des Prunksaals mit Vitrinen und Schautafeln empfängt, sieht er das Thema auch als kleines Gegen-Statement zu den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt.

Allerdings umfasst das Spektrum, aus dem Fetz und seine Kollegin Katharina Kaska rund 100 Exponate aus allen Sammlungsbereichen der Bibliotheksbestände wählten, keineswegs nur rosige Geschichten: Liebe treibt Menschen schließlich auch in emotionale Ausnahmezustände, unerwiderte Zuwendung stürzt sie bisweilen in Abgründe.

Goethes „Werther“ hatte etwa eine Welle von Suiziden zur Folge. Die unglücklich beendete Affäre zwischen Aeneas und der karthagischen Königin Dido begründete laut Mythos auch die kriegerische Feindschaft zwischen Rom und der nordafrikanischen Stadt.

Speeddating

In dem nun arrangierten „Streifzug durch die Jahrhunderte“, so der Untertitel der Schau, begegnen Besucherinnen und Besucher solchen Erzählungen in einer Art Speeddating. Von der Erschaffung Adams und Evas in einer Illustration aus den 1430er-Jahren geht es da zunächst zu anderen „Ursprungsmythen“ wie der in Platons „Symposion“ geäußerten Idee, dass der Mensch ein zerspaltenes Wesen sei und sein Lebtag nach seiner verlorenen anderen Hälfte suche.

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Flugs ist man von dort bei den Klassikern der Renaissance – etwa bei Dante, der mit seiner geliebten Beatrice in einer Illustration von 1472 aus der Unterwelt ans Licht spaziert, und zu Francesco Petrarca, dessen idealisierte Laura in einer Illustration des 16. Jahrhunderts auf einem von Einhörnern gezogenen Wagen triumphiert.

Derartige Idealisierung findet man später nur noch in einer der jungen Journalistin Emma Rudolph gewidmeten Bildkarte des Dichters Peter Altenberg. Dessen Anbetung aber wirkt obsessiv und „creepy“.

Liebe und Zeremoniell

In anderen Exponaten überlappt das, was wir als „Liebe“ bezeichnen, mit einem streng formalisierten Beziehungsstatus. Archivalien dokumentieren etwa die Vermählung von Maria Theresia mit Kaiser Franz I. Stephan (eine für damalige Verhältnisse unübliche „Liebesheirat“) und die Affäre des Erzherzogs Johann mit Anna Plochl, der Tochter eines Postmeisters, im frühen 19. Jahrhundert.

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Am besten funktionieren jene Exponate, die direkt Nähe herstellen: etwa eine Visitkarten-Sammlung, die die Gäste der Hochzeit zwischen Paul Clemenceau, dem Bruder des späteren französischen Ministerpräsidenten, und Sophie Szeps, Schwester der Saloniere Berta Zuckerkandl, vergegenwärtigt. Letztgenannte ist auch auf einer Fotopostkarte präsent, die ihr Enkel Emile seiner „allerliebsten Großmamatschi-hatschi“ widmete.

Buchstäblich nahe gehen die Liebesbriefe gegen Ende des Rundgangs: Jene zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan verbinden innige Zuneigung mit literarischer Wertschätzung („Ich weiß auch, endlich, wie deine Gedichte sind“); Korrespondenzen zwischen Friederike Mayröcker und Ernst Jandl schwimmen zwischen Wort und Bild. Im Themen-Ozean, den sich die Schau vorgenommen hat, sind es nur kleine Fundstücke; der Tauchgang lohnt sich dennoch.

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