Sie verknüpfte Handwerk und Intellekt: Belvedere zeigt Anni Albers
„Ancient Writing“, Alte Schrift, heißt das in Grau- und Silbertönen schimmernde Tuch, das in einer flachen Vitrine im Unteren Belvedere ausgebreitet ist. Zu lesen gibt es hier nichts, aber die Titelgebung leuchtet ein: Die unterschiedlichen Webmuster, die hellen und dunklen Blöcke auf dem Textil könnten auch einem Plakat oder einer Zeitungsseite entspringen, nicht zuletzt drängt sich die Verbindung zu Kaskaden von Computercode auf. Dabei ist es 90 Jahre her, dass die damals bereits in den USA lebende Künstlerin Anni Albers das Tuch wob.
Sie verarbeitete dabei Eindrücke, die sie 1935 auf einer Reise nach Mexiko gewonnen hatte. In Südamerika nutzte man Webkunst tatsächlich zur Weitergabe von Informationen – und Albers, die selbst intensiv lehrte und schrieb, sollte diese Idee mit der Kunst der Moderne verbinden.
Um zu veranschaulichen, warum die Jahrhundertfigur Anni Albers (1899–1994) nun mit einer Werkschau im Unteren Belvedere (bis 16. 8.) gewürdigt wird, braucht man allerdings eines der komplizierten Knotenbilder, wie sie im hinteren Teil der Schau zu sehen sind.
Verschlungene Wege
Die Ausstellung wurde zuerst im Zentrum Paul Klee in Bern gezeigt, was historisch daher zu begründen ist, dass Klee einer von Albers’ Lehrern am legendären Bauhaus in Weimar, später in Dessau war: Dort lernte die als Annelise Fleischmann geborene Künstlerin auch Josef Albers (den mit den farbigen Quadraten) kennen, den sie 1924 heiratete. Das Klee-Zentrum ist wiederum an das Kunstmuseum Bern angegliedert, wo Nina Zimmer als Chefin amtiert: Im Jänner 2027 wird sie Stella Rollig an der Spitze der Österreichischen Galerie nachfolgen.
Verwobene Ideen
Die internationale Vernetzung der Moderne zu zeigen, ist durchaus ein roter Faden in Rolligs Programm. Dennoch wünscht man sich in den barocken Raumfluchten des Unteren Belvedere oft etwas mehr Kontext, um die Gräben zwischen der Wiener Moderne, der deutschen Bauhaus-Tradition und der US- Nachkriegskunst besser überbrücken zu können.
Trotz europäischer Wurzeln entfaltete sich der Großteil von Albers’ Karriere doch in den USA. Nachdem das Bauhaus 1933 von den Nazis geschlossen worden war, lud der Architekt Philip Johnson das Ehepaar Albers ein, am „Black Mountain College“ zu lehren, das sich ebenfalls dem gleichberechtigten Miteinander der Künste verschrieben hatte. Später sollten US-Avantgardisten wie Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham dort arbeiten.
Auch wenn es zum Konzept gehört, dass Unterschiede zwischen Design, Kunst und Architektur verschwimmen, ergeben sich in der nach Themen und Ideen gegliederten Belvedere-Schau aber doch Disharmonien, wenn Gebrauchs- und Kunstobjekte, konzeptuelle und praktische Werkstücke, Originale und spätere Nachempfindungen unterschiedliche Tonhöhen anschlagen: Ein Tischtuch oder ein Bettüberwurf, wie ihn Albers 1950 für das „Graduate Center“ der Harvard-Universität entwarf, ist eben etwas anderes als ein mäanderndes Textilbild, das wenig später mit Kunstanspruch entstand.
In einem der größten Säle, der sich mit Albers’ innovativer Verwendung von Materialien beschäftigt, hängen industriell gefertigte, originale und nachempfundene Stücke dicht aneinander – mit dem Effekt, dass sich am Ende doch ein wenig Einrichtungshaus-Flair einstellt.
Für Albers selbst war eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) 1949 der Ritterschlag – und der Anlass, ihr Werk stärker als Kunst zu sehen und zu positionieren.
Angewandte Kunst
Den Hintergrund dafür kann man sich in der Schau, die zugunsten einer Fülle von Stoff- und Papierarbeiten mit Archivalien und Fotografien eher geizt, zusammenreimen: Die MoMA-Patrone waren nämlich oft dieselben, die sich in Rufweite von Eliteunis wie Yale, Cornell und Harvard ikonische Gebäude errichten ließen – und Albers als Person schätzten, die das Handwerkliche mit dem Intellektuellen zu verbinden verstand.
Fallstudien mit Fotos, Entwürfen und ausgeführten Teppichen, die Albers Anfang der 1960er etwa im Haus der Familien Ritvo und Vlock im US-Bundesstaat Connecticut realisierte, geben den anschaulichsten Einblick in das Ineinander von Kunst und Leben, das diesseits des Atlantiks oft unterdrückt und vertrieben worden war (das Haus Tugendhat in Brünn ließe sich als Gesamtkunstwerk vergleichen).
Der von den Ausstellungsmacherinnen postulierte Fokus auf die Verbindung von Albers’ Kunst zur Architektur geht im Belvedere neben den dicht gehängten Exponaten aus dem späteren, auf Druckgrafik fokussierten Werk etwas verloren: Das Streben nach Vollständigkeit überfrachtet zunächst, lässt aber auch keinen Zweifel an der Reichhaltigkeit dieses Werks. Wie die Co-Kuratorin Brenda Danilowitz von der Nachlass-Stiftung sagt, werden derzeit viele Bücher über Anni Albers geschrieben. Die erste große Biografie ist – derzeit nur auf Englisch – soeben erschienen.
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