Alles, was auf einem Bild Platz hat: Kunsthalle Krems zeigt Rauschenberg
Es gibt kein Gesetz, das vorschreibt, dass ein Gemälde einen Rückspiegel braucht.
Wenn es einen hat, wie Robert Rauschenbergs Werk „Streamer (Shiner)“ aus dem Jahr 1986, ist das aber auch sehr schön: Man kann sich dann beim Betrachten betrachten, das eigene Spiegelbild wird Teil des Werks, der Bildraum wird in den Ausstellungsraum erweitert.
Für solche Kombinationen von Gemälden und Alltagsobjekten, auch „Combines“ genannt, wurde Robert Rauschenberg (1925–2008) bekannt: Er fügte damit dem Bildverständnis der Moderne eine wesentliche Facette hinzu und brach mit der herrschenden Kunstrichtung seiner Zeit, die eine vergeistigte Sphäre der reinen, abstrakten Malerei zu schaffen trachtete.
Gemeinsam mit dem für Bilder von Flaggen und Zielscheiben bekannten Jasper Johns, mit dem er einst ein Atelier teilte und eng kollaborierte, steht Rauschenberg daher in den Kunstgeschichtsbüchern: als Bindeglied zwischen Abstraktem Expressionismus und der Pop Art.
Epochal – und dann?
Diese Ehre verdiente sich der gebürtige Texaner schon in den frühen 1960ern – als er 1964 den Hauptpreis der Venedig-Biennale einheimste, galt der Sieg der US-amerikanischen Kunst über jene Europas als offiziell besiegelt.
Die Kunsthalle Krems, die nun etwas verspätet den Ausstellungsreigen zum 100. Geburtstag des Künstlers beschließt, will aber den „ganzen“ Rauschenberg zeigen. Und auch wenn die teils ins Monumentale ausufernde Produktion des rastlos Kreativen in der niederösterreichischen Institution nur angerissen werden kann, gelingt ihr eine überzeugende Zusammenschau, die Rauschenbergs Lust am Sammeln, Kombinieren und Kollaborieren ansprechend vermittelt.
Zentral für den Künstler war dabei die Fotografie und deren Fähigkeit, auch banale Dinge als schön und bildwürdig erscheinen zu lassen, wie Rauschenbergs Sohn Christopher bei einem Rundgang mit Journalisten erklärte.
Ein Sammler
Obwohl er sich im Kern als Maler sah, ersann der Künstler immer neue Mittel, um das Fotografische – und das Alltägliche – zum Teil seines Bildkosmos zu machen. Von sogenannten „Transfer Drawings“, für die er Zeitungsfotos in Lösungsmittel tränkte und auf Papier abrieb, spannt sich der Bogen der Schau über zahlreiche Druck- und Abdrucktechniken bis zu den spätesten Werken, in denen Rauschenberg Tintenstrahldrucke auf Leinwand übertragen ließ.
Da der Künstler seine Prominenz bald zur Gründung eines internationalen Kulturtransfer-Programms nutzte, band er auch Techniken und Bildmaterial aus aller Welt in seine Arbeit ein – „kulturelle Aneignung“ als Negativkategorie war noch nicht erfunden.
Kulturtransfer
Tatsächlich ist es heute schwer vorstellbar, wie prominent und beliebt der US-Amerikaner, der von Zeitgenossen als gesellig und einnehmend beschrieben wird, einst gewesen sein muss. Und natürlich ist die Frage angebracht, ob seine gesamte Produktion – allein der Nachlass verfügt über 3.000 Gemälde und Skulpturen – das Prädikat „große Kunst“ verdient.
Doch gerade weil Rauschenbergs Ansatz vom Mainstream adaptiert wurde – die Kombination von Siebdrucken erkennbarer Motive mit gestisch-abstraktem Gemale findet sich heute in jedem Möbelhaus – lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Werk in der Kremser Schau.
Die Zusammenfügung von Alltags- und Medienbildern in den Werken ist nämlich nur auf den ersten Blick beliebig: Tatsächlich vermittelt sie fast immer ein Gespür, das man „künstlerische Intelligenz“ nennen könnte. Dass die Werke verschiedenste Materialqualitäten vereinen und einzelne Motive komplexe Geschichten erzählen, ist da noch gar nicht berücksichtigt: So verweisen etwa Autoreifen auf eine Performance, für die Rauschenberg seinen Geistesverwandten, den Komponisten John Cage, 1953 mit farbgetränkten Reifen über Papier fahren ließ.
Cages Ideen zur Einbindung des Zufalls und des Publikums setzte Rauschenberg übrigens vielfach um. Der Apparat „Revolver“ (1967), bei dem Besucher bedruckte Plexiglasplatten zu immer neuen Kombinationen verschieben können, steht exemplarisch dafür in Krems. Und die Idee, dass Kunst ein gemeinschaftliches Projekt ist, wirkt kein bisschen aus der Zeit gefallen. Bis 1. 11.
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