Kultur
06.12.2011

Krieg & Frieden: Tischerücken mit Tolstoi

Endlich ausgeprobt: Matthias Hartmann hat seine Produktion "Krieg und Frieden" zur Premiere freigegeben. Ein Riesenerfolg!

Die Stimmung ist wie beim Rockkonzert der Lieblingsgitarreros. Hardcore-Fans haben`s schon vier, fünf Mal gesehen; man selber ist auch zum dritten Mal da. Und bangt den ganzen Abend über, dass auf der Setliste keiner der großen Hits vergessen wurde.

Das Saufgelage bei "Anatol" Oliver Masucci, bei dem die Herren des Ensembles das (Fenster-)Brett halten, auf dem "Dolochow" Fabian Krüger seine Wodka-Wette einlöst. Der Silvesterball mit den Fotoklicks der koksenden Hélène (Stefanie Dvorak). Die Opernszene, in deren Verlauf Natascha (Yohanna Schwertfeger) "fällt", und Krüger eine hinreißende Balletteuse gibt. Das Gemetzel bei Austerlitz. Wenn die Schauspieler durch Aneinanderschlagen, durch das Rücken der Tischchen, die zum Bühnenbild aufgereiht sind, Schlachtenlärm imitieren.
Alles noch da. Und mehr.

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Director`s Cut

Burg-Chef Matthias Hartmann hat seine seit April 2010 stattfindenden "öffentlichen Proben" von Tolstois "Krieg und Frieden" zur Premiere erklärt. Und siehe da: Nach Gastspielen von Prag bis St. Petersburg, nach dem Nestroy-Spezialpreis ist seine hervorragende Arbeit anarchistischer, wendiger, weniger ehrfürchtig geworden. Man hat sich weiter vom 1600-Seiten-Vorbild entfernt und ist ihm umso näher gerückt.
Der nun im Kasino gezeigte Director`s Cut ist wie die Essenz eines Exzesses.

Mehr als bisher durchmischt Hartmann Szenen der überspannten russischen Aristokratie mit der Gewalt des Krieges. Er hat das Spiel mit den Vidiwall-Überblendungen, mit dem im Hintergrund stehenden Puppentheater perfektioniert. So sehen etwa kleine Männchen "großen" Männern beim Duell zu. Leise (Liebes-)Szenen von "André" Peter Knaack, Pierre und Natascha hat er zugunsten von Sex & Drugs & Rock`n`Roll rausgenommen.

Die Darsteller (ihr "Chef" an der Spitze: Ignaz Kirchner als alter Fürst Bolkonskij) sind entfesselt. Entgleiten in den Slapstick, um mit Augenzwinkern detaillierte Tolstoi`sche Beschreibungen von Damenbärtchen und -toiletten auf die Schippe zu nehmen. Sind tief emotional, an Leib und Seele und Brieftasche verkrüppelt. Sind Menschen. Grausam, großmütig, gutgläubig, garstig. Ein Vergnügen, zu sehen, wie viel Spaß allen das Spielen macht.

Neuer Pierre

Zwei Neubesetzungen gibt es: Statt Mareike Sedl ist Adina Vetter als kleine Fürstin Lisa zu sehen. Die Rolle des Pierre - bisher aufgeteilt auf Udo Samel und Moritz Vierboom - hat Gundars Abolins übernommen.

Er ist bekannt aus Alvis Hermanis` Produktion "Väter". Und er ist ein Pierre, wie Tolstoi ihn schrieb: "ein großer dicker junger Mann mit intelligentem, aber schüchternem Blick". Ein tapsiger Bär, der im Ehekrieg mit Hélène zum Raubtier wird.

Natürlich gab`s Gemurmel, weil Samel fehlte. Aber auch auf "Deep Purple" Ian Gillan folgte David Coverdale.

KURIER-Wertung: ***** von *****