Krasznahorkai ganz nah: Vor dem Nobelpreis war der Rock ’n’ Roll
Auf den ersten Blick ist das, was hier zu sehen ist, überschaubar. Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt im Foyer Auszüge „Aus dem Archiv eines Weltautors“. Gemeint ist der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai, seit Oktober 2025 Literaturnobelpreisträger.
Auf den zweiten Blick ist die Ausstellung für Literaturfans eine kleine Sensation. Zum einen ist sie eine private Annäherung an einen Weltautor. Sie zeigt Bilder aus Jugendtagen – mit seiner Schulklasse im Gymnasium, mit Freundinnen bei einer Geburtstagsfeier. Bemerkenswert ist auch das Bild des Jugendlichen als Mitglied der Rockband „Flamingó“.
Das ist mehr als anekdotisch, denn ob Rock oder Klassik: Krasznahorkais Werk ist von Musik geprägt. Als Kind nahm der 1954 in Gyula als Sohn eines Anwalts und einer Beamtin geborene Ungar klassischen Klavierunterricht, seine Lesungen sind oft multimediale Performances mit Musikelementen, und Musik spielt auch in vielen seiner Werke eine zentrale Rolle, formal ebenso wie stilistisch.
Die wenigen hier gezeigten Exponate sind gut gewählt und geben Einblick in die Welt des Autors, der einst Jus studierte und nebenbei die verschiedensten Berufe ausübte – vom Minenarbeiter bis zum Nachtwächter in einem Kuhstall.
Auch als Reisender wird Krasznahorkai hier gezeigt, was ebenfalls wichtig für das Verständnis seines Werks ist. Seine Aufenthaltsorte waren immer wieder Kulisse seiner Bücher. In frühen Romane und Erzählungen geht es oft um das düstere und surreale Landleben im sozialistischen Ungarn. Später reiste er viel durch Europa und unternahm ausgedehnte Reisen nach Asien – auch die Auseinandersetzung mit der fernöstlichen Kultur findet sich in mehreren seiner Werke.
Der große Unbekannte
In New York lernte Krasznahorkai Allen Ginsberg kennen, den Kultautor der Beat-Poeten, bei dem er eine Zeit lang wohnte. Der Austausch mit Ginsberg spielte für seinen Roman „Krieg und Krieg“, der zum Teil in New York spielt, eine wichtige Rolle und ist in der Ausstellung mittels Foto dokumentiert.
Und dann ist da ein weiteres Zeugnis einer wirklich beeindruckenden Autoren-Freundschaft: Ein Fan-Brief von Thomas Pynchon, dem großen Unbekannten der US-Literatur. Von Thomas Pynchon gibt es so gut wie keine Bilder, er lebt völlig zurückgezogen, kaum jemand weiß, wo. Mit Krasznahorkai ist er allerdings befreundet, und er ist ein großer Bewunderer seiner Bücher, wie er ihm in dem hier ausgestellten Brief schreibt.
Der öffentlichkeitsscheue Pynchon gratuliert Krasznahorkai darin zum Man Booker International Prize, den dieser 2015 erhielt und er eröffnet, dass Krasznahorkais Schreiben der Grund sei, warum er überhaupt noch Romane lese. Aufschlussreich sind auch Blätter mit handschriftlichen Notizen, etwa zum Roman „Baron Wenckheims Rückkehr“ aus dem Jahr 2016, in dem Krasznahorkai von einem in Argentinien vermeintlich zu Ruhm und Geld gekommenen Mann schreibt, der in seine ungarische Geburtsstadt zurückkommt und dort eine Art kollektive Hysterie auslöst.
Der Drehbuchautor
Ein weiterer, wesentlicher Aspekt im Schaffen von László Krasznahorkai, ist seine Arbeit als Drehbuchautor. Hier wird mit einem Plakat des Films „Die Werckmeisterschen Harmonien“, der Verfilmung seines Romans „Melancholie des Widerstands“, darauf hingewiesen. Der Film unter der Regie von Béla Tarr und Ágnes Hranitzky, kommt bei einer Spielzeit von 145 Minuten mit nur 39 Einstellungen aus. Eine passende Analogie zu Krasznahorkais Romanen, von denen die meisten sparsamen Umgang mit Satzzeichen pflegen.
Aus dem Archiv
Die hier gezeigten Exponate stammen aus dem Archiv Krasznahorkais, das sich seit 2024 in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet. Es umfasst Manuskripte, Fotografien, Briefe, Notizbücher und Recherchematerialien aus vielen Teilen der Welt.
Wie das Archiv nach Österreich kam? „Es war sein Wunsch, dass sein Vorlass zu uns kommt“, sagt Arnhilt Inguglia-Höfle, stellvertretende Leiterin des Literaturmuseums und Kuratorin der Ausstellung. „Krasznahorkai sieht sich vor allem als mitteleuropäischen Autor. Er lebt in der Nähe von Budapest, sein zweiter Lebensmittelpunkt ist Wien. Österreich und seine Literatur waren immer ein Bezugspunkt für ihn, vor allem Franz Kafka und Thomas Bernhard.“
409 Seiten, kaum ein Beistrich. Klingt anstrengend. Tatsächlich liest sich „Herscht 07769“ über den Arbeiter Florian problemlos (abgesehen von der viel zu kleinen Schrift, der Roman ist derzeit nur als Taschenbuch erhältlich): Florian gerät unter den Einfluss eines ostdeutschen Neonazis. Beide verfallen der Musik Johann Sebastian Bachs. Eine faszinierende Lektüre. Als guter „Einstieg“ in das Werk László Krasznahorkais gilt „Baron Wenckheims Rückkehr“, in dem ein Ausgewanderter in das Ungarn von heute zurückkehrt: eine heruntergekommene Welt. Im jüngsten Roman „Zsömle ist weg“ wird der 91-jährige Onkel Jószi plötzlich als König von Ungarn verehrt. Alle Bücher: S. Fischer Verlag.
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