Installation aus lebensgroßen Gliederpuppen, in Metall gegossen: Mahnmal von Daniel Spoerri

© Thomas Trenkler

Kommentar
04/21/2020

Kulturpolitik im "Kulturmontag": Eine Frage der Verantwortung

Theaterdirektoren schnauben vor Wut - und Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek agiert auch im ORF hilflos. Dabei wäre es so einfach.

von Thomas Trenkler

Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, schnaubte in der ORF-Sendung "Kulturmontag" vor Wut. Denn die Vorschriften der Regierung im Zuge der Coronavirus-Krise verunmöglichen aus jetziger Sicht einen regulären Spielbetrieb ab Anfang September. Kurz geschoren wie ein Sträfling pochte Föttinger mehrfach auf Perspektiven. Ulrike Lunacek möge sich mit ihm und den anderen Direktoren zusammensetzen - und gemeinsam eine Strategie für den Herbst entwickeln. 

Föttinger hatte sich unter anderem mit der scheidenden Volkstheaterdirektorin Anna Badora und mit Martin Kusej ins Einvernehmen gesetzt. Der Burgtheaterdirektor vertritt mehr oder weniger die gleiche Position. Im Interview mit der APA sagt er, dass es in einem freien, kreativen Prozess keine Limits geben könne: "Man schneidet an der Seele unseres Schaffens herum, wenn man auf der Bühne ,Sicherheitsabstand' verordnet."

Auch Martin Traxl kritisierte als Moderator der ORF-Diskussion die, wie er meinte, "völlig realitätsfernen Vorgaben", darunter 20 Quadratmeter Freiraum pro Besucher. Und die grüne Kulturstaatssekretärin agierte, wie Föttinger und zwei weitere Gesprächspartner live zugeschaltet, völlig hilflos - man möchte fast sagen: wie ein Greenhorn.

Ausgangspunkt war die Pressekonferenz vom vergangenen Freitag gewesen, in der sie zusammen mit Vizekanzler Werner Kogler "Erleichterungen" im Kulturbereich bekanntgeben wollte. Die Kulturschaffenden konnten aber keine herauslesen. Kusej brachte es auf den Punkt: "Bei diesen Rahmenbedingungen für die Theaterarbeit von einem Ermöglichen zu sprechen, ist für mich unverständlich. Mich als Regisseur haben diese Verlautbarungen der Pressekonferenz erst einmal in ein richtiges Loch gerissen. Denn bei genauerem Betrachten heißt das: Es geht fast gar nichts!"

Die Idee war allerdings nicht gewesen, die Theaterarbeit zu ermöglichen: Die beiden Grün-Politiker hatten lediglich bekanntgegeben, was trotz all der Maßnahmen möglich sei. Und dies wiederholte Lunacek auch im der ORF-Diskussion mehrfach zerknirscht. 

Leider war sie zu feig, um Klartext zu reden. Sie ließ die Theatermacher und Veranstalter selber Schlüsse ziehen, statt klipp und klar festzustellen, dass traditionelles Theaterschaffen inklusive Probebetrieb schlichtweg unverantwortlich und damit verboten ist. Denn wenn sie das Verbot ausgesprochen hätte, hätte man ihr vorgeworfen, autoritär mit Verboten zu agieren. 

Keine leichte Situation. Dabei wäre es so einfach gewesen. Lunacek hätte bloß sagen müssen: "Lieber Herr Föttinger, wir haben erste Schritte zur Normalisierung gesetzt. Aber wir werden erst in etwa zehn Tagen wissen, ob es aufgrund der Lockerungen zu einem Anstieg der Neuinfektionen gekommen ist. Wenn nicht, was wir natürlich hoffen: Dann können wir weitere Erleichterungen vornehmen. Dann können wir irgendwann vielleicht auch Kussszenen auf der Bühne zulassen. Aber derzeit können wir das nicht. Weil es unverantwortlich wäre." 

Lunacek hätte auch sagen können: "Lieber Herr Föttinger, Sie können gerne wieder die Josefstadt aufsperren, wenn Sie den Revers unterschreiben, für alle möglichen Folgeschäden persönlich haften, also wirklich die volle Verantwortung übernehmen. Ich gebe aber zu bedenken: Ein Großteil des Josefstädter Publikums ist über 65 Jahre alt - und gehört daher zur gefährdeten Risikogruppe. Was ist, wenn auch nur einer Ihrer Besucher, mit Covid-19 infiziert, 40 oder 50 andere Zuschauer ansteckt? Immerhin sitzt man in Ihrem Theater über Stunden sehr eng nebeneinander. Sind Sie sicher, dass Sie die Verantwortung übernehmen können?"

Lunacek hätte mit den Worten schließen können: "Lieber Herr Föttinger, ich jedenfalls kann unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht garantieren, dass man die Josefstadt nach einer zweieinhalbstündigen Vorstellung wieder gesund verlässt. Und so lange ich das nicht garantieren kann, kann ich keine Versprechungen abgeben."

Leider hat Ulrike Lunacek das nicht gesagt.

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