Japanische Begeisterung für Gustav Klimt.

© Werner Rosenberger

Kultur
04/23/2019

Gustav Klimt in Japan: Wo Bartl den Most holt

Das Belvedere präsentiert in Tokyo die Ausstellung „Gustav Klimt. Wien und Japan 1900“.

Ein Pilgerweg führt in Japan über 33 Tempel-Stationen zum Wandern ins Himmlische. Den Weg zur Gustav-Klimt-Ausstellung in der quirligen Megametropole Tokyo mit 35 Millionen Menschen in der Region weisen Plakate und im Wind wehende Fahnen mit dem Sujet „Judith“.

Das Gemälde aus dem Jahr 1901 repräsentiere „das ewig Menschliche“, schrieb einst Felix Salten, „ein Weib mit einem schwülen Feuer in den dunklen Blicken, mit einem grausamen Mund und mit den Nasenflügeln, die vor Leidenschaft beben.“

Wien um 1900“ in allen Varianten ist seit Jahrzehnten ein Evergreen. So feiern die Japaner jetzt vor allem Klimt. Mit ihm werde man in Tokyo „alle Besucherrekorde brechen“, hieß es gegenüber den knapp 450 akkreditierten Journalisten – dreimal so vielen wie sonst üblich.

Wenn Bilder reisen ...

Klimt ist zwar selbst höchstens an den Attersee und sonst selten und ungern verreist. Aber das Wiener Belvedere hat jetzt zehn seiner Gemälde aus der eigenen Sammlung nach Fernost geschickt, außerdem 18 Werke seiner Lehrer, Schüler und Freunde sowie den Beethovenfries in Kopie.

Damit – sowie Briefen, Fotos und internationalen Leihgaben, insgesamt rund 115 Objekten – bespielt das seit 1926 bestehende Tokyo Metropolitan Art Museum im weitläufigen Ueno-Park beim Tiergarten hinter der Ziegelfassade drei Stockwerke, bevor die Ausstellung „Gustav Klimt. Wien und Japan 1900“ im Sommer nach Toyota weiterziehen wird.

Kurator Markus Fellinger ging es darum, „den Einfluss der Persönlichkeit Klimts und seines Gedankenkosmos auf seine Meisterwerke umfassend zu zeigen“.

Asiens Exotik fasziniert vorgestern wie heute: das Nebeneinander von uralten Traditionen und Zukunftswahn. Tokyo ist Stadt soweit das Auge reicht. Der Fuji, Japans heiliger Berg, verbirgt sich irgendwo hinter der Dunstglocke. Auch die Nachmittagssonne dringt kaum durch den Smog. Und nichts erinnert mehr daran, dass am Rand des Ueno-Asakusa-Bezirks einst die Kurisanenstadt Yoshiwara pulsierte.

Vorgeschichte

Anlass der aktuellen Wiener Kulturoffensive in Fernost ist der Beginn diplomatischer Beziehungen zwischen Kaiserreich Österreich-Ungarn und Japan vor 150 Jahren.

Kurz davor – 1868 – war die Hauptstadt von Kioto ins „To-kyo“ (die „Östliche Hauptstadt“) umbenannte Edo verlegt worden.

1869, am Beginn der Meiji-Ära und 15 Jahre nach der durch die amerikanische Flotte erzwungenen Öffnung Japans für die Außenwelt, kam es nach der Ankunft der österreichisch-ungarischen Fregatte „Donau“ und des Dampfers „Erzherzog Friedrich“ zum Abschluss eines Freundschafts- und Handelsvertrages.

Die Teilnahme Japans an der Wiener Weltausstellung 1873 und die große Sammlung von Kunstgegenständen, die Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand während seines Japan-Besuchs 1893 angelegt hatte, trugen dazu bei, Japan hierzulande öffentlich bekannt zu machen.

Besonders inspirierend war die japanische Kunst für die Mitglieder der Wiener Secession wie Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann u. a. Deren große Wertschätzung führte schließlich im Jahre 1900 zu einer Japan-Ausstellung im Ausstellungsgebäude der Wiener Secession.

Klimts Studien zum Bildnis „Friederike Maria Beer“ (1916) und das Spätwerk „Die Braut“ beziehen sich auf Masken des japanischen No-Theaters, von denen Klimt selbst eine besaß und die einen Charakter in hochkonzentrierter Form zum Ausdruck bringen.

Schon bei der Eröffnung der Klimt-Schau in Tokyo am Ostermontag hieß es: Nach zuletzt „Monet zu Miro“, „Tizian und die Renaissance in Venedig“ und einer Edvard-Munch-Retrospektive sei auch bei der Jugendstilpracht made in Austria in den nächsten Wochen ein großer Besucherandrang mit langen Warteschlangen zu erwarten.

Nach der großen Faszination Japan im Westen ist es also jetzt Zeit für die Faszination Klimt in Fernost. Wobei man den Wiener Künstler dort keineswegs mehr bekannt machen müsste.

Er hat sich längst global ins kollektive Bildgedächtnios eingebrannt. Jeder Japaner kennt ihn. Jeder liebt seine Bilder – und sei es als Deko auf einem Seidentuch.

Aber neben dem millionenfach auf Kaffeehäferln, Schirmen und Teebeuteln reproduzierten Motiv „Der Kuss“ lässt sich jetzt auch am Ursprungsort im Detail nachvollziehen: Wie sich Klimt mit Farbe, Fläche und Ornament als Gestaltungsprinzipien beschäftigt hat.

Wie sehr sie seinen Stil ausmachen – und vor allem:

Wie genau er an der Schwelle zur Moderne um 1900 wusste, wo Bartl den Most holt.

Infos rund um die Ausstellung
Klimt in Japan: Gustav Klimts Begeisterung für den „Japonismus“ – er hatte in seinem Atelier in der Feldmühlgasse 11 in Wien Hietzing eine eigene kleine Sammlung von Ostasiatika wie japanische Holzschnitte – hat  in seinem Werk immer wieder Spuren hinterlassen. Jetzt zeigt das Belvedere die bisher größte Klimt-Ausstellung in Fernost. Ein Schwerpunkt ist dabei den Einflüssen Japans auf Klimts Schaffen gewidmet.

Anlass: Vor 150 Jahren wurde von den damaligen Kaiserreichen Österreich-Ungarn und Japan der Grundstein für diplomatische Beziehungen gelegt. 1869, elf Jahre nachdem die Fregatte „Novara“ auf ihrer Weltumseglung nach Japan gekommen war, unterzeichneten die beiden Kaiser Mutsuhito und Franz Joseph I. einen Freundschaftsvertrag.

Wann & Wo: „Gustav Klimt. Wien und Japan 1900“ im Tokyo Metropolitan Art Museum (23. April bis 10. Juli) und im Toyota Municipal Museum of Art (Juli bis Oktober), das u. a.  Klimts Gemälde „Eugenia Primavesi“ (1913/’14) besitzt.

Exponate: Gezeigt werden neben Briefen,der Beethoven-Büste und persönlichen Gegenständen auch zahlreiche Gemälde wie „Dame in Weiß“ (1917/’18) oder  „Judith“, 1901 unmittelbar nach Gründung der Wiener Secession gemalt: „Ein Hauptwerk“, so Belvedere-Direktorin Stella Rollig, „weil es wie kein anderes Sinnlichkeit, Opulenz, aber auch den Abgrund des Todes in sich vereint“.