Klaus Maria Brandauer, der Mahner: „Das Rechtsradikale darf sich nicht weiter vergrößern, es muss zurückgedrängt werden.“

© Reinhard Maximilian Werner

Kultur
05/05/2019

Klaus Maria Brandauer: „Man kann auch in der Heimat fremdeln“

Der Schauspieler liest Texte des evangelischen Märtyrers Dietrich Bonhoeffer – und kritisiert die österreichische Politik.

von Thomas Trenkler

Vor zehn Jahren las Klaus Maria Brandauer in der Burg Texte und Gedichte des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der Widerstand gegen Hitler leistete – und im April 1945 den Märtyrertod starb. Damals sagte er: „Ich erzähle keine Heldengeschichte, vielleicht will ich nur zur Courage ermuntern.“ Nun erinnert Brandauer erneut an Bonhoeffer – am 10. Mai um 20 Uhr im Akademietheater. Die Gründe erklärt er im KURIER-Interview.

KURIER: Mitte April haben Sie für den Dietrich-Bonhoeffer-Verein in der Holzkirche von Bad Kleinkirchheim Texte von Luis Buñuel gelesen. Wieso denn?

Klaus Maria Brandauer: Buñuels Buch „Irdische Vergnügen“ hat mich einfach umgehauen. „Ein Atheist von Gottes Gnaden“ – das ist doch herrlich! Eine wunderbare Absicherung! Oder ein Eingeständnis, dass es Gott doch gibt? Buñuel liebe ich – gerade in Zusammenhang mit Dietrich Bonhoeffer. In Bad Kleinkirchheim gibt es seit ein paar Jahren einen Bonhoeffer-Verein, und man hat mich gebeten, da mitzumachen. Der Pfarrer hatte im ORF eine Sendung gesehen, in der ich durch das Haus von Bonhoeffers Eltern in Berlin führe. Sein Arbeitszimmer schaut genau so aus wie damals, als er 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet wurde. Bonhoeffer hat einen ungeheuren Eindruck auf mich gemacht. Er ist ein verehrungswürdiger Mensch.

Und am 10. Mai lesen Sie Bonhoeffer im Akademietheater. Wie kamen Sie auf ihn?

Die deutsche Bonhoeffer-Gesellschaft hatte mir seine Texte zugeschickt: „Würden Sie das für uns in der Heidelberger Heiligengeist-Kirche machen?“ Ich hab’ die Gedichte und Briefe aus der Haft gelesen und war begeistert. Nach der Lesung zusammen mit dem Geiger Daniel Hope ist mir etwas ganz Merkwürdiges passiert. Ich sagte zu ihm leise: „Spiel weiter!“ Wir sind ganz langsam abgegangen. Es gab eine enorm dicke Sakristeitür. Und dann dachte ich mir plötzlich: „Jetzt hau ich die Tür zu!“ Das ganze Gebäude wurde erschüttert. Das hat gepasst. So eine Zufälligkeit habe ich gern. Selbst bei aller präzisen Vorbereitung spielt sich das, was ich mache, nur im Ungefähren ab. Was jeden Abend unvermutet dazufliegt: Das ist schön!

Sie haben schon vor zehn Jahren in Wien Bonhoeffer gelesen – im Burgtheater. Ist die Auswahl eine andere?

Nein, es ist der gleiche Text: „Ich möchte glauben lernen.“ Der Rahmen ist ein anderer. Ich dachte, es ist wieder einmal an der Zeit, über den Glauben nachzudenken. Der Glaube lebt ja mit einem, wie auch alles andere, weiter: Er entwickelt sich, verkappt sich, fällt in die Grube, flieht vor mir.

Es gibt ein tröstliches Gedicht …

Sie meinen „Von guten Mächten treu und still umgeben ...“?

Ja. Sie werden es vortragen?

Selbstverständlich.

Bonhoeffer war in England, er nahm öffentlich Stellung gegen die Judenverfolgung – und im April 1935 kehrte er zurück nach Deutschland, um gegen die Nationalsozialisten Widerstand zu leisten.

Er hätte es sich leicht machen können. Es geht mir aber nicht nur darum zu sagen: Stell Dir vor – ein Priester, der durch die Schrecklichkeiten des Nazi-Systems geht, geradezu ein Heiliger. Sondern auch: Der hatte eine Verlobte, eine Familie. Das gilt es an den Texten herauszuarbeiten, damit sich jede und jeder persönlich angesprochen fühlt. Dass man sich fragt: „Ja, wieso gelingt ihm das Dagegensein? Und dann wird er auch noch wenige Tage, bevor dieser grauenhafte Krieg zu Ende ist, umgebracht!“ Daran schließt sich die Frage an: Wer war der, der ihn umgebracht hat? Der, der den Befehl dazu bekam. Jeder von uns, auch ich, könnte das gewesen sein. Das interessiert mich: die Geschichten hinter den Geschichten. Es passiert mir manchmal, dass ich – jetzt komme ich ins Plaudern – beim Lesen weiterfabuliere. Das geht natürlich nicht. Und dann muss ich zurückblättern – und wieder anfangen.

Sie sind gläubiger Katholik. In einem Interview mit „Die Zeit“ sagten Sie kürzlich: „Ich weiß nicht, ob ich für den Glauben kämpfen würde.“

Ich war ehrlich. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich auch antworten können: „Da würde ich eintreten!“ Aber wissen tue ich es natürlich nicht. Ich habe etliche Filme über die Nazizeit gemacht, darunter „Mephisto“. Trotzdem weiß ich nicht, wie ich mich damals verhalten hätte. Und wenn einer behauptet, er würde es wissen: Dem glaube ich es nicht!

In diesem Interview erwähnten Sie, mehrere Male an der Donnerstagsdemo teilgenommen zu haben. Was hat Sie dazu motiviert?

Ganz einfach, ich fühle mich zur Zeit nicht wohl in Österreich. Man kann auch in der Heimat fremdeln. Das tu ich gerade. Ich kann mir Österreich nicht vorstellen, ohne gleichzeitig über Europa nachzudenken. Die Europäische Idee, zu der wir uns bekannt haben, sehe ich in großer Gefahr. Und deshalb bin ich auf die Demonstrationen gegangen. Ich will mich damit nicht berühmen. Ich habe bloß Flagge gezeigt und werde das auch weiter tun.

Reicht das aus?

Was können Menschen, die keinen direkten Einfluss haben, tun? Sie gehen wählen. Nach der letzten Wahl waren die einen froh über das Ergebnis, für die anderen ist nicht das herausgekommen, was sie wollten. Und die Reaktion war: „Dann eben in fünf Jahren wieder.“ Aber nicht mit mir! (Brandauer wird ein paar Zentimeter größer, seine Augen beginnen zu funkeln.) So, jetzt sind wir – zufällig – bei meinem Thema. Was ist Heimat? Das kann eine Sprache sein, eine Gegend oder Menschen. In Zeiten wie diesen kommt aber noch etwas hinzu: die Demokratie. Auch das ist eine Heimat. Die haben wir, mit ihr können wir arbeiten, aber man muss sich mit ihr auch beschäftigen. Demokratie gehört diskutiert. Man muss dazu ermutigt, aufgefordert werden. Mir ist egal, wer das macht: Freunde, Parteien, Gewerkschaften, Standesvertretungen. Aber es gehört diskutiert. Demokratie ist keine Einbahnstraße. Ich muss etwas für sie tun. Wenn ich nichts tue, habe ich sie nicht. Und das ist das Thema, worüber ich sprechen kann.

Auch in der Öffentlichkeit.

Ja. Wenn die Demokratie auch nur im leichtesten in Gefahr scheint – sie muss gar nicht in Gefahr sein: Mund auf! Und Flagge zeigen! Denn unsere Verfassung ist großartig. Aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Daher muss man für sie kämpfen.

In Österreich darf man bereits mit 16 wählen. Fehlt es nicht an politischer Vorbildung?

Richtig! Die jungen Menschen müssen bereits früh darauf vorbereitet werden, dass sie an der Demokratie teilnehmen dürfen. Jeder sollte wissen, welche Vorteile und Rechte man hat – und auch welche Pflichten. Eines weiß ich: Ich lass mir die Chance meines Lebens, Demokratie zu leben, nicht kaputtmachen. Wie weit ich gehen werde, weiß ich nicht. Ich möchte streiten – bis die Fetzen fliegen. Aber mit Anstand! Benimm ist die Notwendigkeit, um in Frieden über Dinge zu diskutieren. Man muss dem anderen zuhören, egal welche Meinung er vertritt.

Ihre Vorwürfe lauten konkret?

Als ich vor vielen Jahren den Hamlet gespielt habe, tauchte gerade ein gewisser Jörg Haider auf der Bildfläche auf, und ich wurde in jedem Interview nicht nach Shakespeare gefragt, sondern: „Wos sogn S’ denn zum Haider?“ Und das gilt auch jetzt. Es nutzt nix, wenn ich detailliert über die Maßnahmen der Regierung spreche. Ich kann nur sagen: Es gefällt mir nicht, wie es momentan in unserem Land ausschaut. Das Rechtsradikale in jeder Form darf sich nicht weiter vergrößern, es muss zurückgedrängt werden. Leider wird heute nur mehr getwittert. Man lacht sich scheckig über das, was andere desavouiert. Das ist schrecklich, das ist die absolute Verdummung. Aber es ist genau das, was manche der Regierenden gerne hätten. Hinzu kommt noch etwas: Bei den Wahlen hat sich eine Mehrheit gebildet – die haben wir nun. Dass es so ist, ist auch die Schuld derer, die jetzt nicht regieren. Das sollten die Verlierer bedenken. Und sie sollten ihr Handeln darauf einrichten. Die einen schreien: „Nazi!“ Und die anderen kontern mit: „Lenin!“ und meinen wohl „Stalin!“ Mit solchen Argumenten zu arbeiten: Das kann doch nicht wahr sein! Und so äußern sich die Spitzen unseres Staates! Sie nehmen das ganze Land in Geiselhaft.

Sie zeigen Flagge, lesen Bonhoeffer. Aber können Sie im Theater überhaupt etwas bewirken?

Wenn ich die Lesung nicht mache, passiert nichts. Die Regierung würde sicher nicht besser. Es gibt aber zumindest die Chance, in jedem Einzelnen etwas zu bewirken. Und möglicherweise ist ein Engerl im Raum – um es liebevoll, wie in meiner Kindheit, auszudrücken – das uns verbindet.

In den letzten Jahren haben Sie unter anderem „Moby Dick“ gelesen, Mozart-Briefe, Stefan Zweig, Dostojewski und Weihnachtsgeschichten. Sie lesen mehr als Sie spielen. Warum?

Das ist reiner Zufall. Ich lese gerne, aber das habe ich immer schon gern gemacht. Es ist eine Garantie für mich selber, dass ich das, was ich ausdrücken will, auch ausspreche. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gern spiele! Wir hatten 2018 vor, „König Lear“ mehrmals am Burgtheater zu spielen, aber wir haben es nur zweimal hingekriegt.

Eine neue Rolle?

Darüber habe ich auch mit Martin Kušej, dem designierten Direktor, gesprochen. Es ist noch nichts spruchreif, aber es ist mein innigster Wunsch, wieder zu spielen. Ich bin gerne hier.

Sie haben an der Burg nicht nur den Hamlet und den Lear gespielt, sondern auch den Nathan und den Tartuffe. Wünschen Sie sich noch eine Rolle?

Bei allen anderen Kulturinstituten sage ich, was ich möchte – und bringe Ideen mit. Hier, am Burgtheater, bin ich Ensemblemitglied. Und warte darauf, dass man mir eine Arbeit zuteilt.

Sie sind seit 1972 Ensemblemitglied – seit 47 Jahren.

Ich kann nur sagen: Die Zeit ist so schnell vorbeigegangen. Ich kann es nicht fassen! Ich wollte zum Burgtheater – und ich glaube: Da gehöre ich hin.

Wie wollen Sie Ihr 50-Jahr-Jubiläum feiern?

Das weiß ich nicht. Ich will es erleben.

 

Info: Dietrich Bonhoeffer - Widerstand gegen Hitler

Dietrich Bonhoeffer, mit seiner Zwillingsschwester am 4. Februar 1906 in Breslau geboren, wuchs in Berlin auf. 1933, nach der Machtübergabe an Adolf Hitler,  begab sich der evangelische Theologe in Opposition: Er sprach davon, dass ein Führer, der sich zum Idol seiner Anhänger mache, zum Verführer werde. Ab 1935 leitete er das – später illegale – Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Ab 1938 schloss er sich dem Widerstand an. 1940 erhielt er Redeverbot, 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er  von der Gestapo verhaftet, am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende, auf Befehl von Hitler im KZ Flossenbürg erhängt.