Klaus Albrecht Schröder mit Vincent van Goghs „Der Sämann“, 1888.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Albertina
09/12/2016

"Ich bin ein zutiefst Liberaler"

Klaus Albrecht Schröder über die Folgen der Affäre Husslein, seine Pläne und die Museumslandschaft.

von Werner Rosenberger

Ankunft wertvoller Fracht in der Albertina: Das Gemälde "Der Sämann", den Vincent van Gogh rund 30-mal gezeichnet und gemalt hat, und der für ihn wegen der täglichen Mühsal bis in den abendlichen Sonneruntergang hinein ein Gleichnis der menschlichen Existenz war, hat das Kröller-Müller Museum im niederländischen Otterlo als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

Ein KURIER-Gespräch mit Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder am Rand der Vorbereitungen der Ausstellung "Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus" (16. 9. bis 8. 1.).

KURIER: Sie erleben als Museumsdirektor mit Thomas Drozda den vierten Kulturminister …

Klaus Albrecht Schröder: Ja, außerdem den fünften Kanzler.

Sie haben schon Kontakt mit Drozda, der eine Museumsreform angekündigt hat?

Ja. Konkret versuchen wir zu erfahren, was die Vorstellungen, die Zielvorgaben des Ministeriums sind. Wir – die Direktorenkonferenz und ich als Direktor der Albertina – sind da vollkommen eines Sinnes, dass wir den sehr unliebsamen Fall im Belvedere zum Anlass nehmen, unsere Compliance-Regeln noch einmal auf ihre Relevanz und Aktualität zu überprüfen, das gesamte Kontrollsystem in den Bundesmuseen noch einmal zu evaluieren und das interne Kontrollsystem zu überprüfen: Ob es wirklich den Erfordernissen entspricht, und ob die Qualifikationskriterien der Kuratoriumsmitglieder dem entsprechen, was man zu Recht von einem Aufsichtsrat erwartet.

Museumsreform sehen Sie so?

Ich glaube, der Minister möchte sichergehen, dass sich dieser Fall im Belvedere, den er für gravierend hält, nicht wiederholt. Und er möchte sicherstellen, dass die Regeln zum Verhalten und zum Verhältnis zwischen dem Ministerium, den Direktoren und den Museen klar sind und von allen geteilt werden. Das ist ein legitimes Ansinnen, und das teilen wir auch.

Könnte eine Museumsreform nicht auch Doppelgleisigkeiten vermeiden?

Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und die Kirche im Dorf lassen. Ich glaube nicht, dass Minister Drozda eine Museumsreform vorschwebt, wie sie Claudia Schmied 2008 initiiert, dann aber – sehr weise – wieder eingestellt hat. Da wurde die Vollrechtsfähigkeit der Bundesmuseen hinterfragt.

Die Unabhängigkeit ...

... der Museen ist eine Erfolgsgeschichte. Ich glaube, daran zweifelt Drozda überhaupt nicht. Die Entwicklungsdynamik, die in die Bundesmuseen kam, das Gründen neuer Sammlungen, das Entwickeln neuer Standorte und das Entstehen neuer Partnerschaften mit Wirtschaft und Künstlern basieren auf diesem Erfolgsrezept der Unabhängigkeit der Museen. Das bedeutet aber nur, dass man gleichzeitig Kontrollorgane und Systeme etablieren will, die Gewissheit geben, dass das alles ordnungsgemäß abläuft.

Also sollen alle Museen alles dürfen? Oder wäre ein klar definiertes Profil für die einzelnen Häuser wünschenswert?

Nein. Das erschien sicher einigen Leuten kurzfristig als plausible Lösung – gleichsam als Ausweg aus einer Budgetknappheit: Man weist jedem Bundesmuseum ein Arbeits-, Sammlungs- und Aktivitätsprofil zu und könnte so gefürchtete Überschneidungen vermeiden, die zu Verschwendung führen würden.

Was spricht dagegen?

Das hat sich als Illusion herausgestellt. Denn die kluge, richtige und dem Besucher der Kunst in ihrer Vielfalt zugute kommende Wettbewerbssituation in den Bundesmuseen ist auch ein Treibriemen für Erfolg und Dynamik der Museen.

Dazu kommen wohl auch die Auswirkungen der Globalisierung auf den Kunstbetrieb?

Ja. Wir haben keine Illusionen mehr, dass die Mannigfaltigkeit der Kunst heute – ein Spiegel der globalisierten Welt – von einem Museum allein abgedeckt werden kann. Aber nicht nur die zeitgenössische Kunst wurde global und explodiert in einer Form, dass man sie durch ein Mumok oder MAK, die Albertina oder das Belvedere nie präsentieren könnte. Durch die globalisierte Sicht auf die Gegenwart haben wir zudem erkannt, dass auch die Vergangenheit wesentlich vielfältiger ist, als je ein einziges Bundesmuseum imstande wäre, sie widerzuspiegeln.

Also kommt es vor allem auf den Direktor an?

Jedes Museum wird heute – ähnlich wie jedes Theater seit Langem – ganz stark, wenn es funktioniert, durch einen Direktor repräsentiert. Eine starke Persönlichkeit, die mit den eigenen Beziehungen, Vorlieben und Präferenzen auch das Profil eines Museums zu Recht definiert.

Die Vorstellung, ein Museum sei durch die Sammlung an sich definiert?

Die war naiv. Die Sammlung der Albertina ist durch eine Million Kunstwerke definiert. Welcher Teil davon definiert uns denn wirklich? Das bestimmt die Handschrift des Direktors und der Führung. Und das ist gut so.

Im Polit-Jargon muss man Sie einen Liberalen in der Museumslandschaft nennen. Korrekt?

Eine korrekte Definition. Ich bin ein zutiefst Liberaler im Sinne des Zulassens. Es sollte so wenig Regeln geben wie möglich und so viele wie notwendig. So wenig Einschränkungen wie möglich, damit das gesamte Entwicklungspotenzial der kreativen Menschen und Mitarbeiter voll ausgeschöpft werden kann, aber so viele Regeln, wie notwendig, damit nichts aus dem Ruder läuft. Damit alles kaufmännisch und betriebswirtschaftlich transparent ist. Die Kommunikation zwischen den Museumsdirektoren funktioniert? Wenn etwa Ai Weiwei mit "translocation – transformation" im 21er Haus vorgestellt wird.

Ich hätte ihn in der Albertina nie gezeigt und schätze ihn auch ganz anders ein, als seine Popularität vermuten ließe. Und natürlich weiß ich, dass Sabine Haag für das Kunsthistorische 2018 eine große Bruegel-Ausstellung plant, die wir unterstützen. Dass sie eine Rubens-Schau in der Pipeline hat. Der Abstimmungsprozess funktioniert ausgezeichnet, seit die Direktorenkonferenz etabliert ist.

Wie geht’s im Kampf um Sponsoren und Mäzene?

Über jeden Einzelnen bin ich glücklich. Im Moment besonders über Hans Peter Haselsteiner, weil er 30 Millionen Euro für das Künstlerhaus in die Hand nimmt, um diesen Schandfleck am Karlsplatz wieder zu einem Vorzeigeprojekt des Historismus und unserer Zeit zu machen.

Sie waren unglücklich, dass das Winterpalais des Prinzen Eugen nicht Sie um angebotene 250.000 Euro jährlich betreiben, sondern das Belvedere dafür von Maria Fekter 2,5 Millionen jährlich bekam?

Damals sehr, weil ich dachte, dass wir ein wunderbares Konzept hatten, wie wir das Winterpalais bespielen, das dankenswerterweise von der Republik renoviert wurde, während wir unsere Prunkräume mit wesentlich mehr Aufwand und eben nur privat finanziert selbst renoviert haben. Aber letzten Endes brauche ich mich nicht beklagen. Agnes Husslein hat hier mit großem Geschick und mit viel Verve offensichtlich Maria Fekter überzeugt, dass es besser ist, ihr mehr Geld zu geben als uns weniger. Aber kaufmännisch sind die zehnfachen Betriebskosten doch unvernünftig?

Ich glaube nicht, dass die Welt in allen ihren Elementen nach kaufmännischen Gesichtspunkten beurteilt wird. Hussleins Konzept verursacht naturgemäß höhere Kosten. Deshalb ist es nicht besser oder schlechter. Es ist mit Sicherheit teurer, aber ich glaube nicht, dass grundsätzlich in allen Fragen immer der Preis entscheidend ist.

Sie haben für die nächste Ausstellung gerade ein Bild von van Gogh übernommen. In einer Schau in Amsterdam stellt man sich die Frage: Wie wahnsinnig war van Gogh am Ende seines Lebens?

Wie wahnsinnig sind wir, dass uns diese Frage so sehr beschäftigt? Wie viel Arsen oder andere Gifte waren in den Farbtuben, die er sich selber in den Mund gedrückt hat? Ich glaube, Wahnsinn ist eine Metapher des Kleinbürgers, der alles verstehen will. Und wenn ein Genie wie van Gogh sein Begriffsvermögen übersteigt, dann greift er zum Notnagel Wahnsinn. Genie und Wahnsinn waren immer eine Möglichkeit, sich das Unvertraute irgendwie vertraut zu machen.