Superstar hochvirtuos an der Trompete: Wynton Marsalis.

© APA/GEORG HOCHMUTH

Kultur
02/25/2020

Klassischer Jazz zum Fußwippen aus der Frischhaltebox

Ein Fest der Neotraditionalisten: Wynton Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra im Wiener Konzerthaus

von Werner Rosenberger

Ein Jazzarchiv ist auf Tournee: Wynton Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra sind drei Tage mit drei Programmen im Wiener Konzerthaus. „Braggin' in Brass“ am Montag feierte den Spirit des Swing, der auch einmal Rebellion gegen Konventionen war. Und der Sound neu und wild.

„Tradition muss kein Gefängnis, sondern kann Orientierung sein“, sagte Somerset Maugham. „Wir müssen den Swing wiederbeleben, und zwar nicht aus törichter Nostalgie, sondern weil er ein moderner Rhythmus ist“, ist der neunfache Grammy-Gewinner und Startrompeter aus New Orleans, dem Mutterland des Jazz, überzeugt.

Die Reise beginnt mit dem Wiederhören von „Back to Basics“ aus dem 1997 im Konzerthaus präsentierten Jazz-Oratorium „Blood on the Fields“, einer Art Kolossalgemälde zur Geschichte der Sklaverei in den USA.

Christopher Crenshaws „The Creation“ nach James Weldon Johnsons Gedicht „God’s Trombones“ stellt anschließend das blitzende Blech der Posaunen ins Schaufenster.

Special Guest Thomas Gansch brilliert in Count Basies neu arrangierter „Sleepwalker’s Serenade“ und dem mit Scat-Vocals gewürztem „Jump Did-Le-Bah“ von Dizzy Gillespie, bei dem sich vier Trompeter im Wechselspiel matchen und im Kollektiv den Kessel zum Kochen bringen.

Ob ein durch das Arrangement von Carlos Henriquez aufgefrischter Oldie wie „Señor Blues“ von Horace Silver aus den 50ern oder „Milestones“ von Miles Davis von 1958 mit seinen schmissigen und messerscharfen Bläsereinsätzen nach der Pause:

Das ist der Sound des klassischen Jazz – oft zum Fußwippen – quasi aus der Frischhaltebox.

Denn da wird nicht rein museal und manierlich agiert, oder bloß nachgespielt, sondern Familiensilber im Sinne der Altvordern prächtig und geschmackvoll aufpoliert – von Top-Instrumentalisten, -Komponisten und -Arrangeuren technisch auf höchstem Niveau und mit Traditionsverbundenheit.

Und der Chef auf der Bühne, Marsalis, 58, Gründungsdirektor des Orchesters, spielt sich nie in den Vordergrund, sagt die Musiktitel an, schlicht, freundlich, aus der letzten Reihe neben den übrigen Trompetern.

Bei „Stardust“, Hoagy Carmichaels Popsong aus dem Jahr 1927, von dem es unzählige Cover-Versionen gibt, und der seit der Bigband-Ära ein unverwüstlicher Evergreen ist, fungiert Thomas Gansch ebenso wieder als zusätzliches Glanzlicht der 16-köpfigen Bigband mit einem lyrischen Ton zum Herzerwärmen wie beim rasant-spritzigen „Things to Come* von Dizzy Gillespie.

Als Zugabe spielt Marsalis im Quartett am Bühnenrand seinen Blues „Knozz-Moe-King“ vom Album „Think of One“ (2007), bevor der hartnäckige Applaus des Publikums die Bigband noch einmal mit „Listen, Lord – A Prayer“ in den Saal zurückholt.

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