Zumindest vor dem Kunsthaus ist „Sonic Projections“ von Bill Fontana zu hören: eine Klangskulptur mit Klängen aus aller Welt und Geräuschen aus Graz

© Thomas Trenkler

Kultur
03/16/2020

Klangskulptur von Bill Fontana: Die Kunst verstummt nicht ganz

Kunsthaus Graz. 32 Jahre nach dem „Affenlärm“: Bill Fontana trotzt mit der Klangskulptur „Sonic Projections“ der Stille

von Thomas Trenkler

1988 war das Festival steirischer herbst besonders unangenehm: Unter dem Titel „Bezugspunkte 38/88“ thematisierte es den „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich – mit zahlreichen Installationen im öffentlichen Raum.

Hans Haacke zum Beispiel stellte am Eisernen Tor die Situation 1938 nach und stülpte über die Marienstatue einen in der Wirkung beklemmenden Obelisken mit Hakenkreuzen und den Zahlen der in der NS-Zeit Besiegten, den getöteten „Zigeunern“, Juden, Zivilisten, Soldaten.

Gegen Ende des Festivals wurde die mächtige Skulptur von einem Neonazi in Brand gesteckt. Und weil sie, errichtet aus Holz und Stoff, wie ein Kamin fungierte, schmolz die vergoldete Marienstatue.

Für die größte Aufregung aber hatte bereits zu Beginn, Mitte Oktober, der US-Amerikaner Bill Fontana mit seiner Soundinstallation „Sonic Projections“ gesorgt: Er beschallte vom Schlossberg aus acht Orte in der Stadt, die im Dritten Reich eine zentrale Rolle gespielt hatten, mit Klängen aus der ganzen Welt und ergänzte sie mit Geräuschen aus Graz, darunter dem Bimmeln der Straßenbahn und dem Gurren der Tauben. Das urbane Echo, von acht Mikrofonen an eben diesen Punkten aufgenommen, wurde in Zusammenarbeit mit Ö1 in die weite Ferne ausgestrahlt.

Das Gekreische der Affen

Fontana, 1947 in Cleveland geboren, wollte einen Dialog zwischen dem Klang und dem öffentlichen Raum herstellen. Und er hatte für seine Klangskulptur wunderschöne Aufnahmen gewählt, z. B. von einem Nebelhorn aus der San Francisco Bay, von Glocken eines buddhistischen Tempels und vom Liebeswerben der Affen im Urwald. Allerdings verwandelte er, weil ja nicht einzelne Punkte beschallt werden können, die gesamte Innenstadt in einen „Klangkörper“. Und die Menschen flippten geradezu aus. Nicht wegen des Nebelhorns, dessen tiefes Tönen etwas Absurdes hatte. Besonders enervierend empfand man die hellen Schreie der Pfaue und das Affengekreische.

Nicht nur das Festivalbüro, auch das Rathaus wurde mit Anrufen regelrecht „bombardiert“. Die Proteste über den „Affenlärm“ hagelten in einer derartigen Intensität, dass sich die Politiker der ÖVP zum Handeln aufgerufen sahen. Vizebürgermeister Erich Edegger, ein Bäcker, und der an sich fortschrittliche Kulturstadtrat Helmut Strobl forderten Peter Vujica auf, die Installation abzudrehen. Mit hochrotem Kopf und schnaubend wehrte sich der Intendant (der Autor dieser Zeilen leitete damals das Pressebüro ) gegen den Versuch der Zensur. Er wusste den ruhigen Bürgermeister Alfred Stingl (SPÖ) auf seiner Seite. Doch die Übermacht der Aufgebrachten war zu groß: Die Beschallung wurde auf eine Stunde am Abend reduziert, die Lautstärke zurückgenommen und die Installation drei Tage vor dem geplanten Ende abgebrochen.


Nun ist Fontana zurück in der Stadt: Auf Einladung des Kunsthauses realisierte er im Kuppelsaal die Ausstellung „Primal Energies“, die sich mit erneuerbaren Energien (Wasser, Sonne, Wind und Erdwärme) beschäftigt. An acht Orten – die 8 ist Fontanas zentrale Zahl – in Portugal, Italien, Deutschland, England, Abu Dhabi und in der Steiermark fing er Klänge ein: das Wummern von Turbinen, das Glucksen des Wassers und Rauschen der Rotorblätter. Sie ergeben, über 64 Lautsprecher abgespielt, eine faszinierende, sich permanent ändernde Soundskulptur. Dazu sieht man auf acht Screens, im Raum hängend, abstrahierte Videobilder der Kraftwerke und Anlagen.

Der Ruf des Kuckucks

Beziehungsweise: Könnte man sehen. Just am Tag der Eröffnung wurde auch das Kunsthaus, die blaue Blase, geschlossen. Doch ganz umsonst war die Arbeit von Bill Fontana und Kuratorin Katrin Bucher Trantow nicht. Denn als Ergänzung zu „Primal Energies“ gibt es eine Neuinterpretation, ein sogenanntes „Reenactment“ von „Sonic Projections“: Fontana kombiniert die Geräusche der Stadt, die mit Mikrofonen an acht Plätzen aufgenommen werden, mit acht Sounds aus aller Welt. Die kreischenden Affen fehlen, aber das Nebelhorn ist zu hören, eine alte Dampflok beim Anfahren, der Ruf des Kuckucks, das Singen der Nachtigall ...

Die Beschallung vom Schlossberg aus wurde vom Coronavirus gekillt. Aber zumindest vor dem Kunsthaus hört man die Soundskulptur. Bis 7. Juni – von 8 bis 11 und von 14 bis 18 Uhr.

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