Kultur
01.06.2017

Kjetil Thorsen: "Unsere Handschrift ist das Denken"

Der Norweger Kjetil Thorsen und das Kreativbüro Snøhetta spielen in der Weltliga der Architekten mit.

"Für mich gibt es nur zwei interessante Landschaften: die am Meer und am Berg. Alles dazwischen – außer Städte – finde ich langweilig. Extreme haben eine gewisse Anziehungskraft. Deshalb haben wir ein Büro in Innsbruck und sind da sehr involviert im Alpenländischen", sagt der Norweger Kjetil Thorsen in perfektem Deutsch mit steirischem Akzent.

Er ist Mitbegründer von Snøhetta, dem nach einem Berg im Dovrefjell-Gebirge benannten und mittlerweile global aktiven Büro für Architektur und Landschaftsgestaltung mit Sitz in Oslo. Es hat dort u. a. die Staatsoper entworfen und am Ground Zero in New York den öffentlichen Raum zum Erinnern und Trauern – zugleich Zugang zum 2014 eröffneten National 9/11 Memorial and Museum – gestaltet.

Thorsen: "Wir wollten dort mit einer Prismenfassade, wo sich das Licht von unten, oben und von der Seite im Raum mischt, aussagen: Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit. Es kommt immer darauf an, wie man etwas sieht. Aber die Amerikaner waren nicht sehr begeistert davon."

Vielseitig

Für die Swarovski Kristallwelten hat Snøhetta den Spielturm entwickelt, außerdem eine Subway-Station in Saudi-Arabien gebaut, große Bienenstöcke mitten in Oslo aufgestellt und erst vor wenigen Tagen Pläne für ein Opernhaus in Schanghai präsentiert. "Es wäre nach Oslo und Seoul bereits unser drittes Opernhaus. Mit unserem Vorschlag für China wollen wir in einer immer noch stark wachsenden und stark verbauten Stadt mit einem großzügigen Gebäude weniger Dichte – quasi horizontale Ruhe – schaffen."

Kollektive Intuition

Stil, repetierte Formensprache, das war gestern. Thorsen geht es weniger um die Handschrift des Architekten als um das, "was ein Bauwerk sein soll und leisten soll. Unsere Handschrift ist das Denken. Wir sind von Inhalten, nicht von Formen getrieben."

"Wir haben so eine Art kollektive Intuition. Bei uns arbeiten Innen- und Landschaftsarchitekten, Urbanisten, Psychologen, Ingenieure und Grafik-Designer sehr eng zusammen."

Auffallend ist der überproportional hohe Anteil an Kulturbauten bei Snøhetta. "Ja, da die Religion kaputt ist, gibt’s nur mehr die Kultur. Zumindest im nordischen Bereich ist die Areligiosität ziemlich stark verbreitet", sagt Thorsen. "Wir planen jetzt neben einem Ski-In-Ski-Out-Kirchlein in Norwegen mit einem kleinen Hotel für den Konfirmationsunterricht von Schulklassen."

Und eine Moschee in Saudi-Arabien wird im September eröffnet. Das Gebäude ist mit gebogenen Stahlrohren verkleidet, geradezu umwickelt, wodurch eine textile Qualität entsteht. "Das ist eine Hommage an Günter Domenig, meinen Lehrer in Graz. Durch Teile der Moschee läuft Wasser. Damit holen wir die Hitze heraus. Bei der Fassade kombinieren wir Nirosta und gestampften Lehm, aber das wird superhomogen."

International bekannt geworden ist Snøhetta 2002 mit dem Bau der Bibliothek von Alexandria, die als eine gigantische Scheibe aus Granit und Glas an der ägyptischen Mittelmeerküste schräg aus dem Boden kommt. "Während der Revolution tat die Bevölkerung alles, damit nichts kaputt geht, dass die Barbaren dort nicht eindringen und die Bibliothek offen bleibt. So macht Architektur Sinn. Weil die Leute das Gefühl haben: Das gehört uns. Das müssen wir heute schützen, damit wir es morgen wieder verwenden können."

San Francisco Museum

Beim Wettbewerb um die Erweiterung des San Francisco Museum of Modern Art, einem der Hauptwerke von Mario Botta, hat sich Snøhetta gegen Stars wie Renzo Piano, Norman Foster oder Rem Koolhaas durchgesetzt.

Wobei "Erweiterung" irreführend ist. Denn die Fläche hat sich auf 16.000 vergrößert, was das SFMOMA nicht nur größer als das MoMA in New York macht, sondern überhaupt gleich zum größten Museum der USA.

Soziales Anliegen

Thorsen: "Wir beschäftigen uns aber auch mit vielen winzig kleinen Sachen." "Keyless" heißt eine Serie von rund um die Uhr für das Publikum offenen Bauten: Hütten am Meer, im Gebirge für Wanderer, oder in der Landschaft, um Rentiere zu beobachten. "Das ist eine soziale Komponente in unserer Arbeit. Nicht dass das, was wir erreichen wollen, direkt messbar wäre, aber hoffentlich wird es im Lauf der Zeit doch als solches erkennbar."

Von Inhalten, nicht von Formen getrieben

Geschichte
In Oslo gründete Kjetil Thorsen nach seinem Studium an der TU in Graz 1987 mit dem Amerikaner Craig Dykers und Christoph Kapeller aus Österreich ein Büro, dem sie den Namen des norwe- gischen Berges Snøhetta gaben. Rund 200 Mitarbeiter arbeiten in Dependancen in New York, San Francisco, Stockholm, Innsbruck und Adelaide derzeit an rund50 Projekten. 14 sind in Bau. Eine Filiale ist in Paris geplant für die neue Zentrale von „Le Monde“.

Kleinere Projekte
Das Fischereimuseum in Karmøy (ein Kubus aus geflochtenem Wacholder und Glas); Zumtobel Staff Showroom in Oslo (die Präsentation von Lampen, ohne Lampen zu zeigen); öffentliche Bedürfnisanstalten („Es leuchtet schön, wenn man reingeht“).
DurchbruchIn ihren Heimatländern zu Wahr- zeichen wurden die Bibliothek von Alexandria in Ägypten (2002) und das Opernhaus in Oslo (2008) mit der Erweiterung des Stadtraums auf das Dach und dem Slogan: „Wenn nicht in die Oper, dann auf die Oper.“ Weitere Projekte: der Eingangspavillon für das National 9/11 Memorial & Museum in New York; das Lascaux IV Caves Museum in Montignac, Frankreich; das King Abdulaziz- Zentrum für Wissen und Kultur in Dhahran, Saudi- Arabien.

Credo
„Wir machen keine Bauten für Kulturtouristen. Wir bauen Häuser für ganz normale Leute“, sagt Kjetil Thorsen. „Und wir wollen mit unserer Architektur dazu beitragen, demokratische Werte und Bildung zu verbreiten.“