© Deleted - 3748730

Kultur
09/04/2019

Kinostarts der Woche: Das Wunder von Neapel und ein 14,5-Stunden-Film

Asif Kapadias Hommage an die Fußball-Legende Diego Maradona in der Langkritik, dazu die weiteren Filme, die in Österreich starten (Von Susanne Lintl)

Er war der Held der Neapolitaner. Überlebensgroß, gottgleich: Noch heute zieren kitschige Konterfeis des einstigen Fußballstars Diego Maradona viele Hauswände der süditalienischen Metropole. In einer Kirche Neapels wird noch immer der Geburtstag Maradonas am 30. Oktober wie Weihnachten gefeiert.

Ja, es war eine große Zeit für Diego Maradona und für Neapel, als der Argentinier von Juli 1984 bis März 1991 die von den reichen Clubs im Norden belächelte Mannschaft des SSC Napoli verstärkte. Seine Auftritte im Stadio San Paolo wurden zum Triumph. Er ließ die Träume der Neapolitaner wahr werden. Was für eine Ehre für die Stadt: Der damals weltbeste Fußballer hatte sich vom Millionenklub FC Barcelona abgewandt und ging ausgerechnet zu Napoli – in die ärmste Stadt Italiens.

Er enttäuschte seine Fans nicht: Unter Maradonas Führung wurde Napoli in der Saison 1986/87 zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte italienischer Meister und gewann den Supercup. Viele Siege folgten. 1986 bei der WM in Mexiko wurde Argentinien mit Maradona sogar Weltmeister.

Auch wer sich nicht sonderlich für Fußball interessiert, kommt in dieser präzise recherchierten Doku des britischen Regisseurs Asif Kapadia (er lieferte schon großartige Filme über Ayrton Senna und Amy Winehouse) auf seine Kosten. Kapadia dringt in Maradonas Persönlichkeit vor wie ein Chirurg, der ein Organ seziert. Begnügt sich nicht mit Erfolgsstatistiken oder besonders gelungenen Toren. Er porträtiert einen Mann, der sich aus dem Elendsviertel Villa Fiorito in Buenos Aires mit Fußball freigekämpft hat.

Als einen, für den Fußball schon als kleiner Bub alles bedeutete. Irgendwann im Lauf des Films sagt Maradona in seiner protzigen Villa in Neapel: „Wenn du das Spielfeld betrittst, wird das Leben unwichtig“ – diese Maxime war sein Leitsatz, aber auch sein Schicksal: Denn Diego Maradona verlor all seinen Glanz, sein Charisma und seine Selbstachtung, als er nicht mehr aufs Spielfeld durfte. Als ihn die italienische Mafia Camorra, die mit ihrem Geld Maradona finanzierte, nach seinem Elfmetertor gegen Italien im WM-Halbfinale 1990, das den Sieg für Argentinien markierte, fallen ließ. Als man ihm aus seiner Kokainsucht plötzlich einen Strick drehte und ihn sperrte, verließ Maradona wie ein geprügelter Hund, still und leise, Neapel.

Am Ende von Kapadias Film sieht man den Maradona von heute bei einem TV-Interview: übergewichtig, krank, unglücklich. Als ihn der Interviewer auf seinen augenblicklichen Zustand anspricht, beginnt er zu weinen. Ein Mann, dem man sein Spielfeld, sein Leben genommen hat.

"La Flor": 14,5 Stunden Kino? Ja, und es zahlt sich aus

Ist es verrückt, sich einen 14,5-Stunden-Film anzusehen?  Ganz bestimmt ist es das. Aber wenn man – so wie der spanische Regisseur Mariano Llinas, der Schöpfer dieses Epos – einigermaßen besessen von Film ist, dann ist es nur logisch, dass man nicht aufhören kann hinzusehen.

Llinas hantelt sich in seinen sechs Episoden durch die Genres der Filmgeschichte: Zum Auftakt huldigt er mit einer verhexten Mumie dem Horror, es folgt ein Melodram mit eifersüchtigem Gesang. Dann folgt in Kapitel 2 ein Agentenfilm aus dem Kalten Krieg. Ein Remake von Jean Renoirs Film „Partie de campagne“ als fast stummer Film und eine Erzählung von vier Frauen, die aus zehnjähriger Gefangenschaft bei einem indigenen Stamm zurückkehren, komplettieren das Epos.

Zehn Jahre lang hat Llinas daran gearbeitet und er konnte auf die Loyalität der vier Hauptdarstellerinnen zählen, die den roten Faden durch die 14,5 Stunden bilden. Ihr Wechsel zwischen den Genres ist grandios.

Der Honiggarten: Verbotene Liebe im Schottland der Fünfziger Jahre

Nach dem Scheitern ihrer Ehe hat es die junge Lydia in einem schottischen Kaff in den prüden Fünfziger Jahren nicht leicht. Sie rackert sich ab, um mit ihrem Kind über die Runden zu kommen. Als ihr die Delogierung droht, nimmt die Ärztin Jean sie und den Buben bei sich zuhause auf. Doch nichts wird gut – vor allem, als die beiden Frauen entdecken, dass sie mehr verbindet als Freundschaft. Ein Sakrileg in der konservativen schottischen Provinz.  Die Frauen werden zu Geächteten.

Nach dem Bestseller von Fiona Shaw hat Annabel Jankel einen stillen Film gedreht, der der damaligen Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Anna Paquin als Ärztin Jean und Holliday Granger sind starke Frauenfiguren, die man gerne betrachtet.
 

Die weiteren Filmstarts in Kurzkritiken

Hot Air

Ein unausstehlich eitler und von sich selbst überzeugter Radiomoderator  hat mit seiner Nichte Tess plötzlich ein freches Korrektiv im Haus, das ihm so gar nicht passt. US-Unterhaltung wie vom Reißbrett. Aber fairerweise muss man sagen: Steve Coogan und Neve Campbell sind würdige Heiße-Luft-Ausspucker.

Made in China

Als Freundin Sophie schwanger ist, findet Fotograf Francois es an der Zeit, endlich wieder Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen. Der Sohn lebt ein schickes Pariser Bobo-Leben, der Vater sitzt immer noch im Vorort-Arrondissement. Bis alle Ressentiments zwischen Vater und Sohn geklärt sind, dauert es und es ist auch nicht besonders witzig. Muss man nicht gesehen haben.

Glanz und Elend eines kleinen Kinounternehmens

Ein ehemals als Wunderkind gefeierter Regisseur, der sein Leben mit Probeaufnahmen für TV-Produktionen fristet, will einen Krimi von Hadley Chase fürs Fernsehen verfilmen. Dabei werden er und sein Produzent mit dem Niedergang der Kinoindustrie konfrontiert und stellen fest, dass alte Qualitäten nicht mehr gefragt sind. Schillernde Reflexion über das Kino von gestern von Regie-Altmeister Jean-Luc Godard. Ein Film für Cineasten.

Eisenberger

Mit 40 Jahren hat der österreichische Künstler Christian Eisenberger über 45.000 Werke geschaffen. Ein manischer Kreativer, ein Natur-Anbeter und -Verarbeitender. Der Schweizer Filmemacher Hercli Bundi hat Eisenberger bei seiner schöpferischen Tour de force begleitet und ein  liebenswertes Porträt gestaltet.

Lillian

Eine junge Frau aus Russland (Patrycja Planik) auf dem Weg quer durch Amerika, von New York bis zur Beringstraße. Andreas Horvaths fast dialoglose Kino-Reise, die auf der wahren Geschichte der Lillian Alling beruht, ist  außergewöhnlich und mitreißend.

Pumuckl und sein Zirkusabenteuer

Pumuckl treibt mit einem skurpellosen Artistenpaar, das ihn mit in den Zirkus nimmt, seinen Schabernack. Neues Abenteuer des rotschopfigen Kobolds.